Lieblingsstraßen 2017

Platz 1

Und tatsächlich gibt es diesmal, anders als beim Poll 2016, auch eine Gewinnerin in dieser Kategorie: die Adelhauser Straße in Freiburg. Gleich drei TeilnehmerInnen wollten sie aufs Podest hieven; in der Poll-Geschichte hat noch keine Siegerstraße soviel Zuspruch erhalten. Bisher genügten stets zwei Stimmen für den ersten Platz. Die Adelhauser Straße befindet sich am südlichen Rand der Innenstadt von Freiburg und ist genauso pittoresk wie der Rest des Zentrums der Grünen-Hochburg, die seit neuestem ja einen parteilosen Oberbürgermeister hat, der von der SPD ins Rathaus gehievt werden konnte. Zu bieten hat die Adelhauser Straße unter anderem die Studentenbar Schachtel, dominiert wird sie jedoch vom Geviert des Klosters Adelhausen, in dem heute keine Nonnen mehr dem Keuchheitsgelübde Folge leisten müssen. Stattdessen befindet sich in dem Komplex die gemeinsame Verwaltung von sechs Freiburger Stiftungen. Am südöstlichen Ende der Adelhauser Straße stolpert man dann über das Museum für Neue Kunst, das in einer ehemaligen neobarocken Mädchenschule untergebracht ist. Für die berühmt-berüchtigten StudentInnen der Breisgau-Metropole ist das Sträßchen jedenfalls der absolut ideale Wohnort, können sie von dort doch quasi in Hauspuschen zum Mittagessen in die Mensa schlappen, sollte es in der WG-Küche nur kalte, im Spülbecken klebende Spaghetti geben.


Nennungen

Die Lieblingsstraßenkategorie eröffnet eine kleine Steige im italienischen Neapel, das durch die Romane von Elena Ferrante mal wieder in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit geraten ist. Selbstverständlich fokussieren insbesondere die Medien weiterhin auf die Schattenseiten der Millionenstadt: Neapel weist die höchste Bevölkerungsdichte aller urbanen Räume Europas auf, sie gilt als größter Abladeplatz illegalen Giftmülls und ist zersetzt von mafiösen Strukturen. Neapel steht für den allgemeinen Stillstand in Italien. Die Rampa Private Parco Grifeo scheint aber weit weg von den Problemen, die auf der Metropole lasten, sie befindet sich in bester Hanglage, knapp unterhalb des Parco di Villa Floridiana. Von dort aus hat man einen privilegierten Blick auf die Stadt und das Meer. Und auf den Vesuv! In besagter Villa befindet sich heute übrigens das Nationale Keramikmuseum Duca Di Martina. Jener Poll-Teilnehmer, der die Rampa Private Parco Grifeo zu seiner Lieblingsstraße 2017 auserkor, versäumte es bei seinem letztjährigen Neapel-Besuch allerdings, ein Foto der Rampa ohne sich und Anhang zu machen. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurde das untenstehende Bild so verändert, dass nun der Eindruck entsteht, die Rampa Private Parco Grifeo sei eine Passage für Schimären.

Dimitris Pikionis war ein griechischer Landschaftsarchitekt, der auch malte. Mit seinen Bildern trat er jedoch zu Lebzeiten (1887-1968) nie an die Öffentlichkeit. Womöglich glaubte er, mit seinen Künstlerfreunden, zu denen unter anderem auch Giorgio di Chirico zählte, in dieser Disziplin nicht mithalten zu können. Umso stärker stach diese malerische Ader bei seiner Landschaftsgestaltung hervor. Pikionis entwarf begehbare Gemälde. Die markantesten Beispiele dafür sind der Zugang und die Fußgängerwege zur Akropolis von Athen und zum Philopappouhügel. Der Pfad auf den letzteren hat einer LeserInnen-Poll-Teilnehmerin besonders zugesagt. Die Spitze des Hügels liegt 147,4 Meter über dem Meeresspiegel, dort befindet sich ein Monument, das der Erhebung den Namen gab. Das 12 Meter hohe Denkmal wurde von den Athenern 114–119 nach Christus für den syrischen Prinzen Gaius Iulius Antiochius Philoppapos errichtet, der sich während seiner Amtszeit als römischer Konsul zum Wohltäter Athens entwickelt hatte. Vor allem hat man vom Philopappou- oder Musenhügel, wie die Anhöhe in der Antike auch genannt wurde, einen Super-Blick auf die Akropolis. Pikionis realisierte den Anstieg zum Denkmal in der Kontinuität hellenistischer Ästhetik, machte aber auch Anleihen bei populärer griechischer Architektur und ließ sogar japanische Gestaltungsprinzipien in seine Arbeit einfließen.

Ist doch klar, dass diese Pilzallee in den LeserInnen-Poll gehört. Gefunden hat sie ein Poll-Teilnehmer im vergangenen Jahr im Appenzeller Land in der Schweiz. Sich den kitschigsten Gefühlen hingebend, könnte man jetzt zu der Aussage gelangen: Die Natur baut doch die schönsten Straßen. Als absoluter Nicht-Mykologe fragt eareyeam aber mal ganz naiv, ob sich die fast wie weiße Wicken aussehenden Fungi als eßbar herausgestellt haben und die kunstvolle Architektur deshalb durch ihren Entdecker auch leider gleich zerstört wurde. Am Ende waren sie sogar halluzinogen und ermöglichten dem Konsumenten nach ihrem Genuss einen Trip auf noch viel abwegigeren Pfaden.

Doch, doch: Im LeserInnen-Poll 2017 kommen Berliner Straßen vor, auch wenn diesmal insgesamt nur drei Spreeathener Verkehrswege zu Favoriten erklärt wurden, während es 2016 noch ganze sieben Stück in die Lieblingsstraßen-Kategorie geschafft hatten. Die Wahl fiel heuer zum Beispiel auf die doch recht unscheinbare Sackgasse Am Nordhafen, die sich – wenig überraschend – am Nordufer des Nordhafens, einer Verbreiterung des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals am Schnittpunkt der Ortsteile Mitte, Wedding und Moabit, erstreckt. Zwischen Straße und Uferkante befindet sich eine Grünanlage. Und wer sich dorthin begibt, will vielleicht Enten füttern oder einfach nur auf einer Parkbank sitzend auf das Wasser starren. Im Gegensatz zu seinem Kreuzberger Pendant, dem Urbanhafen, hat der Nordhafen ein weitaus beschaulicheres, ruhigeres Gestade – ohne großartige Erlebnisgastronomie, wie auch das untenstehende Foto beweist. Damit die Grünanlage auch in Zukunft nicht von Horden picknickender und biertrinkender Easyjet-Touristen angesteuert wird, sollen hier die Reize der Szenerie rund um den Nordhafen auch nicht weiter ausgebreitet werden.

Foto: Fridolin Freudenfett via Wikimedia Commons

Sizilien ist eine der schönsten Inseln in den sieben Weltmeeren und hat dementsprechend eine Menge pittoresker Küstenabschnitte zu bieten. Eine LeserInnen-Poll-Teilnehmerin hat sich für ihren Jahresurlaub 2017 das Ufer am Golf von Castellammare ausgesucht. Dieses liegt zwischen Palermo und Trapani und ist weit weniger ein touristischer Hot Spot als beispielsweise die Gegend um Taormina an Siziliens Ostküste. Die Poll-Teilnehmerin fand während ihres Aufenthaltes besonderen Gefallen an der Straße, die von Castellamare del Golfo nach Scopello führt, denn in ihrer Nähe befindet sich die Tonnara, eine ehemalige Thunfisch-Fabrik, malerisch am Wasser gelegen, direkt neben den Klippen von Scopello. Sie war eine der ältesten und bedeutendsten Betriebe für die Verarbeitung des Thunnus in Sizilien. Laut der Poll-Teilnehmerin steht dort immer noch entsprechendes Arbeitsgerät herum. Allerdings ist der Vorplatz der Tonnara nach deren Stilllegung schnell zum Strand umfunktioniert worden. Zunächst kostete die Benutzung nichts, inzwischen muss man für das Badevergnügen an dieser Stelle auch außerhalb der Saison ganze vier Euro hinlegen; eine Tatsache, über die in diversen Internetforen kräftig lamentiert wird. Eigentlich haben die Eigentümer des Geländes die Erhebung von Gebühren auch garnicht nötig. Die pittoreske Kulisse hat schon etliche Filmteams nach Scopello gelockt, die für einen Dreh vor Ort sicherlich eine Menge Geld locker machen mussten. Zu sehen ist die Tonnara deshalb nun in Kinoproduktionen wie Ocean 12 oder Commissario Montalbano.

Stimmt! Paris kam in der Lieblingsstraßen-Kategorie bisher noch nie zum Zug. Irgendwie scheinen die Boulevards der französischen Hauptstadt kein Sehnsuchtsort mehr zu sein. Das lässt sich sicherlich auch mit der Tatsache erklären, dass das Pariser Zentrum heute eine der durchgentrifiziertesten Gegenden des Globalen Nordens ist. Nun taucht hier aber eine der wichtigsten Achsen des 11. Arrondissement auf – die Rue Oberkampf. Sie erstreckt sich vom Boulevard du Temple in nordöstliche Richtung bis zum Boulevard de Belleville. In den neunziger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts mauserte sich die Straße zu einem Szene-Hotspot, also zum Pariser Pendant der Bergmannstraße oder der Oranienburger Straße in Berlin. Unzählige Galerien, Cafés, Bars und Nachtclubs eröffneten in der Rue Oberkampf, in der eigentlich traditionell Handel betrieben wurde. Wie in der Folge die Entwicklung weiterging, muss hier ja nicht detailliert geschildert werden – an dem einen Ende der Rue residiert heute das Austernrestaurant Le Mary Celeste, an dem anderen, rund um die Metrostration Ménilmontant, findet man eine Filiale von McDonald’s und eine von KFC. Die Oberkampf geriet in die internationalen Schlagzeilen, nachdem am 13. November 2015 in ihrer unmittelbaren Umgebung islamistische Terroristen das Feuer auf die Besucher mehrerer Restaurant-Terassen eröffnet und im berühmten Musikclub Bataclan um die Ecke Geiseln genommen hatten. 130 Menschen waren bei diesen koordinierten Attentaten ums Leben gekommen. Die Dschihadisten wählten für ihr schreckliches Treiben bewusst ein Ausgehviertel des liberal-bohèmistischen Bürgertums, um damit die Mitte der französischen Gesellschaft zu treffen.

Foto: Patrick Nouhailler’s via Wikimedia Commons

Und schon wieder Sizilien! Diesmal geht es in die zweitgrößte Kommune der Insel, nach Catania am südöstlichen Fuß des Ätna. Das barocke Zentrum der 313.396-Einwohner-Stadt ist von der Unesco zum Welterbe erklärt worden. An seinem südlichen Ende, in Nachbarschaft zum Hafen, liegt die Piazza Alonzo di Benedetto. Und auf ihr spielt sich jeden Morgen eine der größten Attraktionen ab, die Catania zu bieten und wegen der dieser Platz Eingang in die Lieblingsstraßen-Kategorie gefunden hat: ein üppiger, bunter und lebendiger Fischmarkt. Das Meeresgetier, das dort angeboten wird, ist immer tagesfrisch und wird auch in den verschiedenen Restaurants rund um die Piazza Alonzo di Benedetto direkt zum Verzehr zubereitet. Aus den Bottichen der Händler ragen die Tentakel lebender Kraken, riesige Schwertfische lagern auf ihren Crushed-Ice-Betten und die Geschlechtsorgane der Seeigel werden lauthals als ganz besondere Delikatesse angepreist. Punkt 14 Uhr wird abgeräumt, dann überlassen die Händler den Möwen das mit Fischabfällen übersäte Feld, bevor die Straßenreinigung anrückt und den Platz wieder in seinen Originalzustand versetzt – bis zum nächsten Sonnenaufgang.

Foto: Giovanni Dall’Orto via Wikimedia Commons

Schon klar: Die Straße, an der unser aller Lieblingsfeind residiert, ist selbstredend eine amtliche Lieblingsstraße. Jener Bösewicht, der mit einem einzigen Tweet den freien Welthandel das Klo runterzuspülen vermag, lebt offiziell in diesem weißen Haus an der Pennsylvania Avenue in Washington D.C., verbringt aber lieber mehr Zeit auf seinem Golfplatz in Mar-a-Lago, Florida. Die 9,3 Kilometer lange Pennsylvania Avenue wird auch “America’s Main Street” genannt, verbindet sie doch den Präsidentensitz, an dessen Nordseite sie sich aus Sicherheitsgründen zu einem Flaschenhals verengt, mit dem US-Kongress, dort, wo die US-amerikanische Legislative zuhause ist. Die Pennsylvania fungiert zudem als Schauplatz von Militärparaden, Prozessionen und schließlich auch von Demonstrationen, die immer wieder daran erinnern, dass die Vereinigten Staaten weit davon entfernt sind, eine perfekte demokratische Gesellschaft zu sein. Derzeit tut außerparlamentarischer Protest auf dieser Straße besonders not, denn die institutionelle Opposition ist allein zumindest bis zu den Kongresswahlen im November zu schwach, um den diversen Zumutungen und Ungeheuerlichkeiten des Donald Trump erfolgreich Paroli bieten zu können. Es gilt also, den toxischen Geist des republikanischen Proto-Autokraten, der selbst noch während der außerweißhäuslichen Reisen Trumps über dem Asphalt der Pennsylvania Avenue wabert, gründlich auszutreiben – ob mit rosa Mützen und Hüten, “Vote them out”-Plakaten oder Pappmaché-Piñatas.

Leider ist der Schweizer Schriftsteller Markus Werner 2016 im Alter von 71 Jahren an einer schweren Lungenerkrankung gestorben. In seinen Romanen seit dem Erstling Zündels Abgang von 1984 rückte er oft bärbeißige ältere Herren in den Mittelpunkt des Geschehens, durch deren Augen er zugleich befremdet und sanftmütig auf die zeitgenössische Gesellschaft blickte. Da Werner sich ausdauernd den welken XY-Chromosonen widmete, so auch in seiner letzten Veröffentlichung Am Hang aus dem Jahr 2004, ist es nur konsequent, dass irgendwo in seinem Oeuvre, nämlich in dem Buch Froschnacht, von irgendeiner Hauptstraße eine Hodensackgasse abzweigt, die wahrscheinlich in die Impotenz führt. Eine Leserin hat nach Genuss der entsprechenden Lektüre diesen Irrweg dennoch zu ihrer Lieblingsstraße 2017 gewählt. Wir wollen uns hier lieber nicht detaillierter ausmalen, welche Beschaffenheit der Straßenbelag haben könnte. Ach, jetzt habe ich beim eigentlich verbotenen Google Books doch noch die Stelle in Froschnacht entdeckt, in der die Hodensackgasse tatsächlich vorkommt. Der Hauptprotagonist Franz Thalmann, ein geschiedener Lebensberater, der einst Pfarrer war, steht am Grab seines Vaters und denkt: “Und sofort wieder Scham, und sofort wieder Panik: Ich habe graue Haare, bin fünfzig bald, von ihm da stamme ich ab, bum und die Zelle wuchert, wächst und wird zum Franz, und unbegriffen zischt die Zeit vorbei, du suchst bereits nach einer Lebens-Überschrift für dich und denkst vielleicht ganz rasch und barsch: Hodensackgasse.”

Illustration: Henry Gray (1918) Anatomy of the Human Body, Gray’s Anatomy via Wikimedia Commons

Ist das Wohngebäude auf dem untenstehenden Foto etwa repräsentativ für die Körtestraße im Stadtteil Kreuzberg, die es als zweiter Berliner Verkehrsweg in diese Rubrik geschafft hat? Zumindest gehört es mit seiner zackigen Fassade zu den schöneren Beispielen der Nachkriegsmoderne, auch wenn es in keinem Architekturführer vorkommen mag. Außerdem befindet sich hinter den Schaufenstern des Erdgeschosses ein ziemlich gut sortiertes Spielwarengeschäft, das vor allem mit seinem breiten Sortiment an Brettspielen glänzen kann. Ansonsten ist die Körtestraße eine nette, beschauliche Verbindung zwischen Südstern und Urbanstraße, einer dieser Kinderkreuzberger Wohlfühlabschnitte, der seine BewohnerInnen, würden sie ihn nie verlassen, glauben machen könnte, dass die Welt doch in allerbester Ordnung sei. Übrigens ist die Straße seit Oktober 1933 nach Werner Körte (1853–1937) benannt, einem Chirurgen, der in mehreren Kreuzberger Kliniken gearbeitet hatte, vor seiner Pensionierung war er gar der Leiter des Urban-Krankenhauses gewesen. Ja, die Jahreszahl ’33 lässt den/die LeserIn stutzig werden. In Werner Körtes auf Wikipedia veröffentlichten Vita kann man allerdings keine Hinweise auf braune Stellen finden. Allerdings trug die Straße zuvor den Namen von Ludolf Gottfried Camphausen, und der war während der Revolutionszeit 1848 liberaler Ministerpräsident der sogenannten preußischen Märzregierung.

Foto: Gunnar Klack via Wikimedia Commons

Mmmh … ein Leser hat die Nürnberger Adam-Klein-Straße zu seiner Lieblingsstraße 2017 erkoren. Was könnte sie auszeichnen? Auf Wikimedia Commons frei verfügbare Bilder zeigen ausnahmslos einzelne Häuser, die ältesten scheinen aus der Jugendstil-Epoche zu stammen. Untenstehendes Foto zeigt ein Gebäude, das eher in den zwanziger oder dreißiger Jahren errichtet wurde. Die Adam-Klein-Straße ist zwar ganz schön lang und durchquert das gesamte Quartier Gostenhof im Osten des Zentrums der fränkischen Metropole, endet aber etwas unentschieden im Hinterland einer Netto- und einer Kaufland-Filiale. An einer Stelle ist sie sogar nicht für Autos befahrbar, da sie sich dort zu einem Hausdurchgang verengt. Oft sind es solche Straßen, in denen dann Seitensprünge, Fernbeziehungen und Bratkartoffelverhältnisse praktiziert werden. Ein Blick auf Google Maps lässt aber auch erahnen, dass Gostenhof mit der Adam-Klein-Straße in seiner Mitte so etwas wie ein leicht unter dem Radar fliegendes Szeneviertel sein könnte. Es gibt dort nicht zuviel Gastronomie, aber doch ein paar annehmbare Kneipen, wie die Schanzenbräu Schankwirtschaft, die im Hamburg-Style eingerichtete Große Freiheit und den Mops vom Gostenhof. Womöglich ist im Gostenhof der Wohnbestand noch nicht so durchgentrifiziert, da dies bisher der gewerbliche Charakter des Stadtteils verhindert hatte, zum Beispiel hockt mittendrin die Zentrale des schon in die Tage gekommenen Datenverarbeitungsunternehmens Datev, das übrigens eine Genossenschaft ist. Das Gebäude auf dem Foto sieht zudem so aus, als könne es im Besitz einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft sein, wie überhaupt viele andere Liegenschaften im Gostenhof, was folglich den örtlichen Mietspiegel niedrighält. Aber all dies ist nur Spekulation. Das einzige, was klar ist: Die Adam-Klein-Straße verdankt ihren Namen dem populärsten Nürnberger Zeichner und Maler des Biedermeiers.

Foto: DALIBRI via Wikimedia Commons

Viele Berliner Achsen machen einen auf Dicker Max, die dritte der hier gelisteten Spreeathener Fahrwege duckt sich dagegen unscheinbar im Schatten des Alexanderturms und der Alexa-Shopping-Mall. Gegenüber des Konsumterrortempels geht sie von der Alexandrinenstraße ab und mündet in nordöstlicher Richtung relativ schnell in die Schillingstraße. Größte Besonderheit dieser relativ schmalen Verbindung: Hier befindet sich die zentrale Bußgeldstelle des Berliner Polizeipräsidenten. Wer also im Verkehr der deutschen Hauptstadt wegen Geschwindigkeitsüberschreitung geblitzt wurde, dessen Foto landet wohl in der Magazinstraße im Magazin und der wird von hier aus auch zur Kasse gebeten. Insofern ist diese Straße so etwas wie eine Wächterin und Bremserin für all seine asphaltierten oder gepflasterten Schwestern in Berlin. Die untenstehende Aufnahme zeigt die Magazinstraße im August 1963, als diese noch in der Hauptstadt der DDR lag. Die abgelichteten Häuser mußten kurz danach Neubauten Platz machen.

Foto: Bundesarchiv via Wikimedia Commons

Immer wieder geraten Parks in diese Rubrik, und da dürfen sie ruhig auch rein, denn eareyeam streitet für eine sehr weitgefasste Definition von “Straße” – unter dem Pflaster liegt ja bekanntlich der Strand. Der Parque Lezama in Buenos Aires befindet sich auch nicht so weit enfernt vom Ufer des Rio de la Plata. Historiker glauben deshalb, dass die Schlucht im östlichen Teil des Parks jener Ort gewesen sein könnte, an dem der spanische Konquistador Pedro de Mendoza 1536 zum ersten Mal heutigen argentinischen Boden betrat und dort sogleich die Kolonie Zur Guten Luft gründete. Archäologen haben diese Annahme allerdings längst widerlegt. In seiner heutigen Form ging der Parque Lezama aus der luxuriösen Gartenanlage hervor, die der Großgrundbesitzer Gregorio Lezama von europäischen Landschaftsarchitekten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben seiner Villa anlegen ließ, in der sich heute das Nationale Historische Museum befindet. Zwischen den Tipuana- und Jacaranda-Bäumen schieben ältere Herren Bauern oder Reiter über Riesenschachbretter aus quadratischen Gehwegsplatten, sitzen Lesende auf den Parkbänken und trinken Mate, während neben ihnen Teenager ungelenk erste Küsse austauschen. Auf der Nordseite des Parks befindet sich überraschenderweise die blauen Zwiebeltürme einer russisch-orthodoxen Kirche, im späten 19. Jahrhundert von dem Architekt Alejandro Christophersen erbaut, mit Material, das eigens dafür aus St. Petersburg herangeschifft worden war.

Die Oberlindau ist eine der klassischen Westend-Straßen, die noch immer ein bisschen den Odeur des liberalen Frankfurter Bürgertums vor 1933 ausströmen, aber auch schon längst einen heftigen Schlag von der neoliberalen Zurichtung der Stadt seit den achtziger Jahren erhalten haben. Dazwischen fanden die Vernichtung jüdischen Lebens durch die Nazis, die Tabula-Rasa-Stadtplanung der Nachkriegszeit, die Häuserkämpfe in der Folge von 1968 und der Aufstieg der grünen Gorgonzola-Realos um Joschka Fischer statt. All dies hat sich in die Oberlindau eingeschrieben, in der in jüngerer Zeit vor allem eine Umwandlung von Bürogebäuden zu Blocks mit höchstpreisigen Eigentumswohnungen vonstatten geht. Schlagzeilen machte dabei vor allen Dingen der Luxus-Wohnturm “Onyx”, der auf dem untenstehenden Bild allerdings nicht zu sehen ist. Der Entwickler dieses Projekts in der Oberlindau musste 2017 Insolvenz anmelden, weil er die von 30 auf bis zu 90 Millionen Euro angestiegenen Baukosten nicht mehr tragen konnte. Zuvor hatte die Stadt wegen des heftigen Baulärms mehrfach die Arbeiten am Haus stillgelegt. Im „Onyx“ waren damals die teuersten Eigentumswohnungen Frankfurts verkauft worden – für 14.000 Euro pro Quadratmeter. Der Wohnturm sollte 2015 fertiggestellt werden, doch auch Anfang 2018 konnte von einem Abschluss der Konversion des einstigen Bürokastens keine Rede sein. Nach Darstellung des ehemaligen Projektentwicklers haben die Käufer der knapp 40 Luxusappartements entschieden, die Bauarbeiten in Eigenregie abzuschließen. Zement anrühren im Prada-Outfit? Ist der Fall “Onyx” ein erstes Zeichen für das Platzen der Immobilienblase?

Foto: Brian Reed via Wikimedia Commons

Auch noch: Kopenhagen: Sortedam Dossering / Marrakesch: Places des Epices / Bern: Parkterrasse/Große Schanze / Mexiko-Stadt: Plaza Rio de Janeiro / Buenos Aires: Avenida Corrientes / Berlin: Yorckstraße / Berlin: Dieffenbachstraße / Paris: Rue Roger Verlomme

Puh, 2017 kann jetzt endlich zu den Akten gelegt werden. Und nicht nur für den nächsten LeserInnen-Poll sind Veränderungen angesagt. Künftig erscheint auf dem Blog, statt des bisherigen Formats der eareyeam-Ausgabe mit mehreren Musikclips, die Rubrik Video der Woche – diese wird immer nur einen Clip präsentieren, tut dies dann aber hoffentlich in kürzeren Abständen. Wahrscheinlich lässt eareyeam auch im kommenden Dezember den Adventskalender ungeöffnet, doch auf jeden Fall wird bis zum Jahresende eine Ausgabe mit geographischem Schwerpunkt fertiggebastelt, die dann – ebenso wie weiterhin mögliche Beiträge von GastautorInnen oder Interviews – eine Longread-Abwechslung zum Video der Woche bieten soll. Überraschung: Gleich drei Länder/Regionen/Städte wurden von jeweils zwei LeserInnen als Schauplätze für die Ausgabe mit geographischem Schwerpunkt 2018 auserkoren. Das heißt: Sie müssen in die Stichwahl. Wer einen Twitter-Account hat, darf auf Twitter nochmal mitabstimmen, ansonsten ist selbstverständlich auch die Wahl per Mail erlaubt. Ach ja, und natürlich darf auch dieser Poll nicht ohne die Bekanntgabe der GewinnerInnen unter denjenigen, die an ihm teilgenommen haben, enden. Wow, unfassbar! Zum sechsten Mal hintereinander holt Janine die Mainstream-Trophäe. Von ihren 28 Nennungen wurden insgesamt 8 auch von anderen LeserInnen als Favoriten gelistet. Aber wie schon angekündigt: Diesmal lässt eareyeam dank der regen Partizipation sogar eine Mainstream-Silbermedaille springen. Wer die zwei LeserInnen sind, die sie sich umhängen dürfen, werden allerdings nur die beiden selbst bei Erhalt ihres „Trostpreises“ erfahren. Wenigstens der Off-Mainstream-Titel 2017 wechselt seinen Träger, er wurde von Josef errungen. Der ist einer von immerhin acht TeilnehmerInnen, deren letztjährige Bestenliste keinerlei Überschneidungen mit den Rankings anderer aufweist. Mit 16 singulären Nennungen fiel sein Sieg doch recht knapp aus, die auf ihn folgende Teilnehmerin schaffte immerhin 14 Unikate. Herzlichen Glückwunsch! Die entsprechenden Preise werden im Laufe des Jahres zugestellt. Und LeserInnen, die gerne eine eareyeam-Ausgabe kuratieren möchten, sind erneut herzlich dazu eingeladen und melden sich bitte unter der bekannten Mailadresse.

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