Lieblingsbücher 2017

Platz 1

Erstmals in der Poll-Geschichte gibt es in der Kategorie Lieblingsbücher zwei Veröffentlichungen auf dem Siegerpodest. Wenig überraschend befindet sich darunter der Roman Underground railroad des US-Amerikaners Colson Whitehead. Der schildert, wie die Sklavin Cora den menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensverhältnissen auf einer Baumwollplantage in Georgia entflieht, nachdem sie von einem geheimen Netzwerk an Wegen aus den Südstaaten in den vom Sklavenhaltertum befreiten Norden erfahren hat. Die Brutalität der Bilder im Film Twelve Years A Slave potenziert Whitehead dabei mit seiner Schreibe noch, ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung charakterisiert seinen Stil gar als “tarantino-haft”. Einerseits lässt Whiteread das reichhaltige Ergebnis seiner akribischen historischen Recherche in Underground railroad einfließen, andererseits entfernt er sich von einer realistischen Erzählung mittels surrealistischer Elemente. So fährt Cora unter der Erde tatsächlich mit der Eisenbahn, zwischendurch scheint sie die Zeitebene zu wechseln und nimmt den Fahrstuhl eines Hochhauses. Ob sie so jemals im Norden ankommen wird? Die Abweichungen dienen letztlich dazu, deutlich zu machen, was es heißt, auch in den heutigen USA als Mensch mit dunklerer Hautpigmentierung unterwegs zu sein. Im untenstehenden Video des französischen Musikmagazins Les Inrockuptibles zeigt sich Colson Whitehead wenig zuversichtlich, was die Überwindung staatlicher Repression gegen Schwarze angeht. Zwar würden nun unzählige Kameras polizeiliche Übergriffe gut dokumentieren, deren Zahl sei dennoch bis heute konstant geblieben und die Beamte, die unschuldige Schwarze drangsalieren oder gar töten, würden zumeist unbestraft bleiben, so der Schriftsteller.

Der Überraschungssieger in dieser Rubrik ist das Buch Was man von hier aus nicht sehen kann von Mariana Leky. Die schafft es, ganz unkitschig eine Geschichte zu konstruieren, die aus der Feder anderer womöglich ziemlich süßlich tropfen würde. Leky nimmt die LeserInnen mit in ein Dorf im Westerwald, in dem die Ich-Erzählerin Luise ihr noch junges Leben verbringt. Die Eltern sind durch ihre Ehekrise völlig absorbiert, weshalb Luise eigentlich bei ihrer Großmutter Selma aufwächst. Selma ist die zentrale Figur des Buches, sie weiht die Enkelin in das Meistern des Lebens ein, und um sie herum gruppieren sich die weiteren ProtagonistInnen des Buches, darunter der Optiker des Dorfes, der in Selma verliebt ist, ihr dies aber nicht zu offenbaren traut. Schließlich hat sie auch hellseherische Fähigkeiten: Jedesmal, wenn ihr im Traum ein Okapi begegnet, wird jemand im Dorf sterben. Dreimal trifft es Menschen, die der Ich-Erzählerin nahestehen. Und doch ist Was ich von hier aus nicht sehen kann eine leichthändig daherkommende Story, die aus dem Detail und der Wiederholung minimaler Verrichtungen vor allem das Schöne und Wundersame herausmeißelt.


Nennungen

Das Leben in den Sümpfen von Louisiana ist öde und hart, noch dazu haben der Wirbelsturm Katrina und die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe die Existenz vieler Bayou-BewohnerInnen bedroht oder tatsächlich auch vernichtet. Tom Coopers Roman Das zerstörte Leben des Wes Trench handelt von den Übriggebliebenen, die sich an ihr Land klammern, die trotz magerer Ausbeute weiter jede Nacht auf Shrimps-Fang gehen und den Mann von der Ölgesellschaft, der fürs Stillhalten Geld verspricht, vom Grundstück jagen. Eine tolle Geschichte voll schräger Typen. Und als LeserIn bangt man/frau so richtig um den jungen Fanghelfer Wes Trench und hofft, dass sich der deutsche Titel des Buches bloß nicht bewahrheiten, dass Wes aus dem immer wuchtiger werdenden Schlamassel unbeschadet herauskommen möge. Im untenstehenden Video erklärt der Autor, dass er fünf Jahre nach Hurrikan Katrina und während der Zeit der Deepwater-Horizon-Katstrophe in einem kleinen College in Thibodaux, Louisiana, viele StudentInnen unterrichtete, die Shrimps-Fischer in der eigenen Familie hatten. So sei er darauf gekommen, diese randständige Community zum Schauplatz einer Story zu machen, die eigentlich nur darauf wartet, auch verfilmt zu werden.

Magischer Realismus? Ach was, derilierender Realismus nennt sich das Genre, das der Argentinier César Aira mit seinem kurzen Roman Las noches de Flores bedient. Flores ist ein Stadtteil von Buenos Aires, dort befindet sich der Pizza-Lieferservice, bei dem das Rentnerehepaar Aldo und Rosa während der Wirtschaftskrise um die Jahrtausendwende anheuert, um über die Runden zu kommen. Mit jeder Pizza, die die beiden zu den Kunden bringen, lernen die Leserinnen das Quartier näher kennen und doch werden sie durch immer verschachteltere Handlungsstränge in die Irre geführt, bis nichts mehr so scheint, wie es zu Anfang war. Flores wirkt plötzlich wie das Gegenteil eines beschaulichen Viertels, Aldo und Rosa sind gar nicht die lieben Alten, die harmlos durch die Straßen trippeln. Eine lesenswerte Rezension zu Las noches de Flores hat Benjamin Loy auf einem Blog von Roberto-Bolaño-Aficionados veröffentlicht. César Aira scheint wohl nicht oft Interviews zu geben. Der folgende Clip dokumentiert einen Auftritt des Schriftstellers im Jahr 2014 im dänischen Louisiana Museum of Modern Art, bei dem er erklärt, dass die Bezeichnung “dadaistische Märchen” durchaus auf sein Werk zutreffen würde. Weil er im Gegensatz zu vielen anderen AutorenkollegInnen wirklich gerne schreibe, so Aira, entstünden jährlich 300 bis 400 Seiten, die in seinem Fall zu drei bis vier Büchern gebunden werden könnten. Nicht der Großroman, sondern eine Kurzform, die er selbst als Poesie bezeichnet, sei das Format, das ihm am nächsten liege.

2014 veröffentlichte Ottessa Moshfegh ihr Erstlingswerk McGlue, ein sprachgewaltiger und wütender Monolog des Seemanns und schweren Trinkers McGlue, der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Knast in Salem, Massachusetts, aus seinem Alkoholkoma erwacht. Er wurde eingebuchtet, weil er seinen Freund Johnson umgebracht haben soll. Johnson hatte ihn einst von der Straße aufgelesen und so vor dem Erfrieren gerettet. Gemeinsam segelten die beiden Männer um die Welt, in McGlues Erinnerung purzeln jedoch die Ereignisse auf dieser Reise zeitlich und geographisch durcheinander. Und beim besten Willen kann er sich nicht vorstellen, ein Motiv für einen Mord an Johnson gehabt zu haben. Ottessa Moshfegh evoziert mit dem Plot ihres Buches so eine Art Moby-Dick-Gefühl. Es geht um existenzielle Fragen auf hoher See, große Wellen branden sowohl gegen die Schiffsreeling als auch gegen das Bewusstsein des Hauptprotagonisten. Interessanterweise befindet sich McGlue thematisch in noch stärkerer Nachbarschaft zu dem Roman Haut des Südens von Michael Roes, der ebenfalls Anleihen bei Herman Melville nimmt. Allerdings bewahrt Moshfegh im Gegensatz zu Roes ihre LeserInnen vor Theorie-Einschüben oder einer Jonglage mit diversen literarischen Formaten. Die Autorin fasst sich kurz und bleibt bei ihren Leisten.

Das Ungeheuer von Terézia Mora ist die Fortsetzung des Romans Der einzige Mann auf dem Kontinent aus dem Jahre 2009, in dem die Autorin ein Licht auf das Leben des IT-Angestellten Darius Kopp und seiner Frau Flora wirft. Darius ist einer jener Menschen, die sich der herrschenden kapitalistischen Regulationsweise geradezu optimistisch angepasst haben. Deshalb ist es erstaunlich, dass er und die empfindsame ungarische Übersetzerin Flora ein Paar sind. Das es aber in Das Ungeheuer nicht mehr gibt, weil Flora Selbstmord begangen hat, schon bevor die Handlung des Romans einsetzt. Darius ist durch den Tod der Partnerin völlig aus der Bahn geworfen und reist nach Ungarn, um eine Ruhestätte für die Urne mit der Asche von Flora zu finden. Auf der Fahrt, die ihn später weiter nach Albanien führt, stöbert er in den persönlichen Aufzeichnungen seiner Frau, die im Buch grafisch von den Erlebnissen und Gedankengängen des Mannes getrennt sind. Also können auch die LeserInnen immer wieder zwischen Darius‘ Geschichte und den Textfragmenten, die Flora hinterlassen hat, hin und herwechseln. Durch die posthume Lektüre der Aufzeichnungen lernt der Hinterbliebene – und mit ihm die LeserInnen – seine Frau erst richtig kennen und lieben. Darius muss sich aber auch fragen, ob er nicht eine Mitschuld an ihrem Tod trägt, weil er in seiner affirmativen Unbekümmertheit nicht vermocht hatte, die Zeichen von Floras seelischer Erkrankung zu erkennen. Einen angemessenen Ort, um die Asche zu vergraben, findet Darius am Ende selbst in der alten Heimat der Verstorbenen nicht. Dies impliziert eine Fortsetzung der Geschichte von Darius und Flora, die auch nach Meinung des FAZ-Rezensenten Hubert Spiegel noch lange nicht auserzählt ist. Als Ansporn zum Weitermachen hat die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt Terézia Mora in diesem Jahr die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur zugesprochen, den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis.

Ist das jetzt die erste große Fiktion über Trumperica – oder zumindest über die Krise der US-Gesellschaft, die den kindlich-rechtspopulistischen Tycoon überhaupt erst an die Staatsspitze gespült hat? Ein bisschen will uns das der Literaturkritiker der New York Times weismachen. In The Nix von Nathan Hill trägt jedenfalls die fiktive Figur des Gouverneurs von Wyoming reichlich donaldistische Züge, weshalb dieser zum Ziel eines fast schon lächerlich anmutenden Attentatsversuchs wird. Den Anschlag verübt die 61-jährige Faye Andresen-Anderson, die Mutter von Samuel, dem Hauptprotagonisten des Romans. Der frustrierte Englisch-Professor und verhinderte Schriftsteller, der an seinen freien Tagen ins Online-Gaming-Universum flüchtet, taucht nach dem Ereignis tief in die eigene Familiengeschichte ein und landet unter anderem bei den Anti-Vietnam-Protesten während des Parteitags der Demokraten in Chicago 1968. Das mehr als 600 Seiten dicke Buch ist wie ein riesiger Burger mit vielen Lagen Fleisch, Salat, Tomate und Gurke. Und dem Burger-Brater Nathan Hill wurde schon die Ehre zuteil, mit Autoren wie Thomas R. Pynchon und David Foster Wallace verglichen zu werden.

Ein Leser sorgt dafür, dass bisher noch jeder eareyeam-Poll in der Lieblingsbuch-Kategorie einen Bildband aufweisen konnte. Auch der Ausgabe 2017 verordnete er ein Buch, in dem Fotos die Hauptrolle spielen. Dieses dreht sich um den weltweit größten Saatgut- und Unkrautvernichtungsmittelproduzenten, dementsprechend trägt es den Titel Monsanto: A Photographic Investigation. Die bildbasierte Untersuchung leistete Mathieu Asselin, ein französisch-venezolanischer Fotograf, der zu diesem Zweck an Orte fuhr, an dem die Aktivitäten des US-Konzerns massive Negativeffekte zur Folge haben: nach Vietnam, wo der Einsatz des Entlaubungsmittels Agent Orange während des Krieges am Anfang der siebziger Jahre auch noch bei lange danach Geborenen Fehlbildungen verursacht, und in die Vereinigten Staaten, wo Monsantos Praktiken so einige Bauern in den finanziellen Ruin getrieben und Flüsse in Chemiedeponien verwandelt haben. Dem stellt Asselin historisches Werbematerial des Unternehmens hinzu, das den pestizid-betriebenen Fortschritt in den allerschönsten Farben malt. Außerdem erfährt man durch das 2017 im Dortmunder Kettler Verlag erschienene Buch, dass im kalifornischen Disneyland von 1957 bis 1967 ein Monsanto House of the Future existierte, dass damals eine veritable Besucherattraktion war. Heute mag man sich darunter wohl eine Horror-Geisterbahn vorstellen, in der mittels Gentechnik erzeugte Schimären herumspuken. Der Name Monsanto ist inzwischen so toxisch, dass ihn der deutsche Chemiegigant Bayer, der seit Mai 2016 an der Übernahme seines Konkurrenten gebastelt hatte und diesen soeben erfolgreich einverleiben konnte, demnächst im Klo runterspülen wird. Umso wichtiger ist es, dass die inhumanen und naturschädigenden Aktivitäten Monsantos nicht einfach in Vergessenheit geraten. Dazu braucht es Publikationen wie die von Mathieu Asselin, die zum Beispiel auch den Verantwortlichen bei Bayer zu verstehen geben: Ihr könnt Euch nicht sicher sein, dass Eure Sauereien unentdeckt bleiben.

Hier bin ich – so heißt der dritte Roman des US-Amerikaners Jonathan Safran Foer, der gleich mit seinem Debüt Alles ist erleuchtet sowohl in seiner Heimat als auch in Deutschland auf den Bestsellerlisten landete und mit seinem Non-Fiction-Buch Tiere Essen so manchen Karnivoren ins vegetarische oder vegane Dasein schubste. Mit Hier bin ich widmet Foer sich nun ausführlich dem Familienleben moderner, gut ausgebildeter, jüdischer Großstädter. Konkret schildert er vier Wochen im Leben von Jacob und Julia Bloch, die als Vater und Mutter dreier Söhne gut funktionieren, sich aber trotz permanenter Kommunikation irgendwie auseinandergelebt haben. Julias Entdeckung sexualisierter Botschaften auf Julius‘ Handy, die nicht an sie gerichtet sind, bringt die eingeübten Rollenspiele aus dem Tritt. Klingt doch sehr gewöhnlich diese Story, oder? Die FeuilletonistInnen waren sich nach Erscheinen des Buches aber darin einig, dass Foer sie so zu erzählen weiß, dass man das 700 Seiten schwere Werk einfach nicht mehr aus den Händen legen mag. Entfaltet die Geschichte solch eine Wucht, weil Foer vielleicht das Scheitern der eigenen Ehe als Blaupause für Hier bin ich genommen hat? Er und die Autorin Nicole Krauss waren ja mal so etwas wie die Auster/Hustvedt-Version der nuller Jahre, das Brangelina der New Yorker Literaturwelt. Hat aber nicht gehalten. Ob Julius und Julia am Ende des Romans noch ein Paar sind, soll hier nicht verraten werden. Nur dies: Das politische Weltgeschehen drängt sich plötzlich unwideruflich zwischen die Familienangelegenheiten und fragt nochmal ganz andere Loyalitäten ab.

Hier jetzt mal kein Roman, sondern ein Erzählband: Die österreichische Autorin Eva Menasse hat Nachrichtenmeldungen gesammelt, in denen Tiere im Mittelpunkt stehen. Diese handeln von Enten, die noch im Schlaf ein Auge offenhalten können, von einem Mann, der ein überfahrenes Opossum per Mund-zu-Mund-Beatmung retten will, oder von weggeworfenen Eisbechern, die zur Todesfalle für Igel werden können. Jede dieser Meldungen läutet eine Erzählung ein, die allerdings nicht immer einen direkten inhaltlichen Bezug zu den vorangestellten animalischen News aufweisen muss. Vielmehr zeichnet Menasse in Tiere für Fortgeschrittene feine Porträts familiärer Verstrickungen, sie seziert die Machtverhältnisse zwischen den Generationen und innerhalb von Partnerschaften. Eine Geschichte spielt in einer Künstlerkolonie in Rom. Aus der Lethargie und Irritation der Stipendiaten erwächst eine Revolte, die allerdings mit einem kümmerlichen Ergebnis endet. Die dazugehörige Mitteilung aus der Fauna passt in diesem Fall: Sie handelt von Schafen, die explizit ohne Wolle gezüchtet werden. Auch von den in der Künstlerkolonie Residierenden scheint man kein konkretes Ergebnis des Aufenthalts zu erwarten. Menasse weiß, wovon sie schreibt: Vor knapp zwei Jahren war sie selbst Stipendiatin der Villa Massimo in Rom.

Michail Bulgakows Roman Das hündische Herz gilt als Klassiker systemkritischer Prosa. Wie brisant er ist, demonstriert schon seine Veröffentlichungsgeschichte. Bulgakow hatte ihn schon 1925 verfasst, aber in der damaligen Sowjetunion wagte es kein Verlag, das Manuskript zu publizieren. Erst 1968 wurde es auf Papier gedruckt, auf die Seiten einer russischen Exilzeitschrift in Deutschland. 2014 brachte dtv eine deutsche Neuübersetzung von Das hündische Herz auf den Markt. Alexander Nittberg hat sie bewerkstelligt. Und eine Poll-Teilnehmerin war im vergangenen Jahr so von dieser Übersetzung angetan, dass sie diese in den Poll 2017 gewählt hat. Für alle, die die Handlung des Romans gerade nicht auf der Pfanne haben, hier eine supereingedampfte Synopsis: Der berühmte Chirurg Professor Filipp Filippowitch experimentiert heimlich mit Hunden. Lumpi, einem Straßenköter, pflanzt er erfolgreich Hirnanhangsdrüse und Hoden eines schmierigen Kleinkriminellen ein. Der Rüde mutiert zu einem kommunistischen Genossen, zum “neuen Menschen”, der sich aber als Widerling herausstellt und zur Gefahr für seine Umgebung wird. Nicht nur hat er all die schlechten Eigenschaften seines Spenders geerbt, er lebt diese auch noch gewissen- und verantwortungslos aus. Filipp Filippowitch bleibt schließlich nur die Rückoperation, um die Gesellschaft vor dem Tier zu retten. Hat Bulgakow mit seiner Mär von der Lumpi-Transformation zwar seinerzeit explizit die Hybris der Sowjet-Ideologen angegriffen, so lässt sich Das hündische Herz heute als allgemeingültigere Parabel gegen Versuche, aus politischen wie auch ökonomischen Gründen am menschlichen Erbgut herumzumanipulieren, lesen. Nicht zuletzt könnte dieses Buch seine LeserInnen durchaus auch gegen die technopositivistischen Verführungen und Versprechen aus dem Silicon Valley immunisieren. Das untenstehende Video warb für einen szenisch-musikalischen Abend, bei dem die Schauspieler Alexander Ernst und Stephan Müller Ausschnitte aus Das hündische Herz rezitierten. Die Inszenierung feierte 2015 ihre Premiere im Uckermärkischen Nationaltheater zu Templin in Brandenburg. Die Regie hatte Christian Eike Schütz.

Pilze essen mit Martin Suter? Lieber nicht, das kann nur tragisch enden. So auch im Fall des Wirtschaftsanwalts Urs Blank, dem Hauptprotagonisten von Suters Roman Die dunkle Seite des Mondes, der jetzt schon knapp 18 Jahre auf dem Buckel hat. Blank verknallt sich Hals über Kopf in die Flohmarktstandbetreiberin Lucille, die ihn während eines Selbsterfahrungswochenendes dazu überredet, halluzinogene Fungi zu konsumieren. Daraufhin verändert sich Blanks Persönlichkeit, er wird egozentrisch und gewalttätig. Nach einem Unfall sucht Blank einen Psychiater-Freund auf und bittet diesen um Hilfe, weil er sich selbst als Bedrohung für seine Mitmenschen sieht. Ein beaufsichtigtes Pilzmahl soll seinen Trip neutralisieren, bleibt aber wirkungslos. Bei einem Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum entdeckt Blank den Wald für sich und kommt so dem Geheimnis seiner ungewollten Verwandlung langsam auf die Spur. Er beschließt, ein Dasein als Einsiedler zu führen und täuscht seinen Selbstmord vor. Die Täuschung fliegt allerdings auf und Blank wird zum Gejagten. Mehr wird nicht verraten, außer, dass Die dunkle Seite des Mondes schon längst verfilmt worden ist. Und zwar im Jahr 2016 von dem deutschen Regisseur Stephan Rick, der den Roman zusammen mit Catharina Junk in ein Drehbuch übersetzt hat. Neben Jürgen Prochnow und Nora von Waldstätten schlüpfte Moritz Bleibtreu in den Anzug des Urs Blank. Und Bleibtreu ist ja nun wirklich die Idealbesetzung für die Rolle des winkelzügigen Technokraten, der ins Psilocybin-Inferno geschickt wird. Im untenstehenden Video deutet Martin Suter übrigens an, dass er während der Zeit, als er noch Twen war, durchaus auch auf den Pilz gekommen sein könnte.

Schade, wenn Ihr die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum zum 150. Geburtstag des ersten Ministerpräsidenten der Bayerischen Republik, Kurt Eisner, verpasst habt. Immerhin lief sie von Mai 2017 bis Januar 2018 und zeigte eindrucksvoll, dass in Bayern mal die ultraprogressivste Politik Deutschlands praktiziert wurde – wenn auch nur in einem sehr kurzen Zeitraum nach Ende des ersten Weltkriegs. Und schließich torpediert wurde – selbstverständlich auch von den blöden Sozialdemokraten. Auf der Webseite des Museums gibt es eine Online-Präsentation der Schau, dazu kann man sich aber noch Volker Weidermanns Buch Träumer – Als die Dichter die Macht übernahme zu Gemüte führen. Denn tatsächlich: Nachdem Eisner am 21. Februar 1919 auf offener Straße erschossen worden war, kam es gar zur Gründung der Münchner Räterepublik, an der die Schriftsteller Ernst Toller, Gustav Landauer und Erich Mühsam maßgeblich beteiligt waren. Weidermann schreibt im Reportagestil über die turbulenten Tage dieses politischen Experiments, das für viele seiner Protagonisten nach dem Einmarsch reaktionärer Freikorps mit dem Tod oder langer Haft endete. Vor allem Thomas Mann, der während dieser revolutionären Ereignisse an der Isar residierte, kommt in Weidermanns Buch nicht gut weg. Weidermann bezeichnet den späteren Literaturnobelpreisträger als Meister in Sachen Zivilfeigheit und Zynismus. Während vor seiner Haustür die Kollegen eine Prä-Hippie-Utopie errichteten, die wieder niederkartätscht wurde, habe Mann sich in seiner Nobelvilla bequem im Ohrensessel zurückgelehnt und heftigste antidemokratische wie auch antijüdische Ressentiments gepflegt. Der Buddenbrooks-Autor taugt heutzutage wahrlich nicht mehr als Idol.

Wie wird man selbst zum schrägen Vogel? Die britische Autorin Helen MacDonald hat das in ihrem 2014 erschienenen Buch H is for Hawk haargenau beschrieben. Das Werk ist eine Mischung aus Naturbeschreibung und Autobiographie, denn in seinem Mittelpunkt stehen MacDonald selbst – und Mabel. Mabel ist ein Habichtweibchen, das die Schriftstellerin sich nach dem Tod ihres geliebten Vaters zugelegt hatte. Schon als Kind wollte sie Falknerin werden, nun griff sie auf einen Greifvogel als Trauerbewältigungshilfe zurück. MacDonald beschreibt akribisch ihre Versuche der Abrichtung des Habichts für die Beizjagd, dabei lernt sie das Tier immer besser kennen, und die Grenze zwischen ihr und Mabel fangen an, zu verschwimmen. Für ihre neue Passion vernachlässigt die Autorin die berufliche Karriere, sie entfernt sich immer weiter von ihrem bisherigen sozialen Umfeld, welches sie nun als wunderlich wahrnimmt. Im letzten Augenblick erkennt MacDonald, dass die Falknerei zwar ihrer Seele gut tut, aber kein Allheilmittel ist, und beginnt eine Therapie. Das folgende Video zeigt ein Interview mit Helen MacDonald, das während der Sun Valley Writers Conference 2017 geführt und von Idahos öffentlich-rechtlichem Fernsehsender ausgestrahlt worden ist. MacDonald offenbart in dem Gespräch, dass ihr der US-Bundesstaat durchaus vertraut ist. 2001 hatte sie sich dort für neun Monate aufgehalten, um in der Bibliothek des World Center for Birds of Prey in der Hauptstadt Boise für ihre Doktorarbeit im Fach Wissenschaftsgeschichte zu recherchieren.

Das an der Londoner Goldsmith University beheimatete Projekt Forensic Architecture hat in Deutschland erst im vergangenen Jahr so richtig Bekanntheit erlangt. Auf Betreiben des Aktionsbündnisses NSU – Komplex auflösen haben Projektleiter Eyal Weizman und sein Team nämlich das Innere des Kasseler Internetcafés rekonstruiert, in dem am 6. April 2006 Halit Yozgat von Rechtsterroristen ermordet wurde. Anhand von zahlreichen, auf diesen Raum bezogenen Details kam Forensic Architecture zu der Schlussfolgerung, dass der hessische Verfassungsschützer Andreas Temme sich während der Tatzeit in dem Internetcafé aufgehalten haben muss. Das Rechercheergebnis legten sie im August 2017 dem NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages vor. In dem Buch Forensic Architecture – Violence at the threshold of Detectability erklärt Eyal Weizman, wie er und seine MitarbeiterInnen Spuren von Gewalt auf konkreten Materialien wie Steinen, Knochen und Holz, aber auch auf den digitalen und analogen Aufzeichnungssystemen von Foto-, Film- und anderen Überwachungsapparaten staatlicher wie privater Mächte nachgehen, um Befunde miteinander zu verknüpfen und sie zum Gegenstand juristischer Verfahren zu machen. Wer sich das Buch nicht leisten kann, hat zumindest die Möglichkeit, sich auf Youtube die Videoaufzeichnung von Eyal Weizmans schlüssiger Präsentation der Arbeit von Forensic Architecture beim 34. Chaos Communication Congress in Leipzig anzusehen.

Einer geht noch: Sven Regener hat sich erneut auf Zeitreise ins Kreuzberg der achtziger Jahre gemacht und um seine uns schon sehr vertraute Romanfigur Frank Lehmann herum eine weitere Geschichte über das Leben der aus Wessiland geflüchteten Bohème im Schatten der Mauer geschrieben. Weil chronologisch vor Regeners Debüt Herr Lehmann angesiedelt, enthält Wiener Straße noch krassere und überkandideltere Szenen als der Erstling, in dem der Hauptprotagonist ja schon der mit dem Mauerfall einsetzenden Abenddämmerung des Kreuzberger Utopie-Biotops entgegenschlurft. In Wiener Straße geht es dagegen um das Überschwappen kreativer Energie, die Figuren im Roman machen die ArschArt-Galerie zu einem Kraftzentrum des Hedonismus, das selbst die Vertreter des Öffentlich-rechtlichen Fernsehens in den Bann zieht. Sehr unprätentiös und auf den Punkt gebracht verhandelt Regener dabei die Frage nach dem, was überhaupt Kunst ist. In seiner Rezension des Buches in der Süddeutschen Zeitung hat Gustav Seibt Wiener Straße zum Heimatroman erklärt, in dem nichts Weltbewegendes passiert, der aber den ultimativen Soundtrack des endlosen Berliner Redens darstellt, welches heute hinter den Idiomen der temporären Migrant*innen aus Pittsburgh, Porto, Palermo und Pforzheim zu pferschwinden droht.

Auch noch: Richard Ford: Zwischen Ihnen / Bud Craigh: How do you feel? / Zygmunt Bauman: Die Angst vor den Anderen / Martha Rosler: Culture Class  / Robert Seethaler: Ein ganzes Leben / Zadie Smith: Swing Time / Achille Mbembe: Politik der Feindschaft / Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund / Hari Kunzru: White Tears / Nnedi Okorafor: Lagune, Wer fürchtet den Tod / Cixin Liu: Die drei Sonnen / Walter Moers: Prinzessin Insomnia / John Berger: Bentos Skizzenbuch / James Baldwin: Giovannis Zimmer / Donna Tart: Der Diestelfink / Marc Elsberg: Blackout

Hier geht es zu den Lieblingsfilmen 2017

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