Lieblingsfilme 2017

Platz 1

Wenig überraschend ist Blade Runner 2049, die Fortsetzung des Sci-Fi-Klassikers Blade Runner aus dem Jahr 1982, auf den ersten Platz in dieser Kategorie gewählt worden – insgesamt fünf TeilnehmerInnen wollten das so. Damit bleibt der Sieger des Jahres 2016, Maren Ades Film Toni Erdmann, mit sechs Stimmen weiterhin das erfolgreichste Kulturprodukt in der gesamten Poll-Geschichte. Ridley Scott, der beim Originalfilm Regie führte, nahm bei Blade Runner 2049 die Rolle des ausführenden Produzenten ein, während Harrison Ford erneut in die Haut des Replikanten-Jägers Rick Deckard schlüpfte, der sich allerdings in Las Vegas, das nach einem Atomkrieg und mehreren Nuklearunfällen zur unzugänglichen Geisterstadt mutiert ist, zur Ruhe gesetzt hat. Blade-Runner-Hauptprotagonist ist nun Officer K., selbst ein Replikant der jüngeren, pflegeleichten Baureihe, der die letzten noch existierenden Exemplare des alten Typs zur Strecke bringen soll, da diese sich ja schon im ersten Blade-Runner-Film gegen das eigene, von ihren Erbauern vorherbestimmte Schicksal aufgelehnt hatten. Niemand Geringeres als Ryan Gosling spielt den Officer K., eine hervorragende Wahl von Regisseur Denis Villeneuve. Denn seine La-La-Land-Konturlosigkeit macht Gosling zur perfekten Menschmaschine, die in ihrem fliegenden Sportwagen über atemberaubende Dystopie-Landschaften schwebt. Für diese supergeilen Kulissen verdient hier Filmarchitekt Dennis Gassner eine Extra-Erwähnung. Insgesamt ist es ratsam, sich kurz vor Blade Runner 2049 nochmal das Original von Ridley Scott anzuschauen, sonst gehen einem beim Konsum des Villeneuve-Updates womöglich noch die vielen Kleinstreferenzen auf den Vorgänger durch die Lappen. Kann es für Denis Villeneuve eigentlich noch ein Projekt geben, das eine Steigerung von Blade Runner 2049 darstellt? Eareyeam hat da so seine Zweifel.


Platz 2

Nicht nur die zweite Staffel von Fargo hat es in die Lieblingfilm-Kategorie des LeserInnen-Poll 2017 geschafft. Die dritte hat sogar noch eine Stimme mehr eingesackt. Und sie wurde auch tatsächlich erst im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht. Wieder ist eine völlig neue Besetzung am Start, geht es um Verbrechen, die mit den Morden und Entführungen der vorangegangenen Staffeln vermeintlich in keinerlei Zusammenhang stehen. Von seinen beiden Vorgängern unterscheidet sich Nr. 3 darin, dass mehrere Zeitsprünge stattfinden, teilweise über mehrere Jahrzehnte hinweg. Und die Zahl der Handlungsschauplätze erhöht sich, wobei die Stadt Fargo durch andere Orte im US-Bundesstaat Minnesota ersetzt worden sind. Die Geschichte nimmt ihren Ausgang bei dem Ehepaar Ray Stussy und Nikki Swango, das nach einem erfolglosen Versuch, Rays Zwillingsbruder Emmit zu bestehlen, in einen Doppelmord involviert wird, der einen alten Mann mit mysteriöser Vergangenheit betrifft, dessen Stieftochter Gloria Burgle als Polizistin den Fall untersucht. Der besondere Witz dieser Story: Schauspieler Ewan McGregor, einer unserer Lieblingsschotten, mimt sowohl Ray als auch Emmit Stussy. Aber auch die deutschen Darsteller Sylvester Groth und Fabian Buch haben Rollen in Fargo 3 ergattert, denn einer der verschlungenen Pfade der Handlung führt sogar ins Ostberlin des Jahres 1988. Insgesamt ist die dritte Staffel noch düsterer und verrätselter als ihre beiden Vorgänger. Mit dem Fargo-Spielfilm der Coen-Brüder und der ersten Staffel verbindet sie immerhin die Tatsache, dass sich in ihr wieder eine einzelne Beamtin, dargestellt von Carrie Coon, unter erschwerten persönlichen Umständen auf die Fährte des Verbrechens begibt.

The Party ist der achte Kinofilm der britischen Regisseurin Sally Potter. Während einer Pressekonferenz auf der Berlinale 2017, wo der Streifen im Wettbewerb lief, erklärte Potter, dass sie mit The Party das gegenwärtige England in seiner ganzen Kaputtheit porträtiert habe. Vor allem das linksliberale Londoner Bürgertum kriegt bei ihr sein Fett ab. Angehörige dieses Milieus treffen sich im Haus der Labour-Politikerin Janet, gespielt von Kristin Scott-Thomas, die mit ihren Gästen auf ihre Ernennung als Gesundheitsministerin im Schattenkabinett der Opposition anstoßen möchte. Doch die Party nimmt einen unerwarteten Verlauf, denn Janets Mann Bill (Timothy Spall) eröffnet den Anwesenden, dass er an einer unheilbaren Krankheit leidet und den letzten Abschnitt seines Lebens mit seiner Geliebten Marianne verbringen möchte. Mariannes Mann Tom (Cillian Murphy), ein zugekokster Banker, der ebenfalls im Haus von Janet und Bill zugegen ist, wusste vom Seitensprung seiner Frau und trägt eine Waffe bei sich, mit der er seinen Rachegelüsten nachgehen wollte. Diese lassen angesichts der für ihn unerwarteten Nachricht vom baldigen Ableben seines Nebenbuhlers nach und Tom entsorgt die Pistole in einer Mülltonne im Garten. Damit noch nicht genug: Auch alle übrigen GästInnen offenbaren ihre Abgründe, bis schließlich Marianne selbst an der Tür klingelt – sie hat sich verspätet. Sally Potter stand für ihr Kammerspiel ein hervorragendes SchauspielerInnenensemble zur Verfügung, darunter auch Emily Mortimer und Bruno Ganz. Susanne Mayer, Filmkritikerin der Zeit schreibt, dass alle DarstellerInnen auf Wunsch der Regisseurin beim Dreh immer gleichzeitig am Set waren. Die in dieser Enge mit der Handkamera erzeugten Bilder würden, so Mayer, eine dermaßen klaustrophobische Zusammenballung von Energie und Komik vermitteln, dass man als Zuschauer den politischen Gehalt von The Party glatt vergessen könnte. Mmmh … je näher der Tag des Brexit kommt, desto schwerer dürfte es für die Betrachterinnen wohl werden, Potters Kritik an der Selbstbezüglichkeit und am Versagen der sich als progressiv gerierenden Eliten einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Platz 3

Oh, zuletzt gab es beim LeserInnen-Poll 2014 dritte Plätze in der Lieblingsfilm-Kategorie. Damals teilten sich gleich fünf Streifen die Bronzemedaille, diesmal sind es immerhin vier, und zwei davon haben Serienlänge. Fangen wir mal mit der zweiten Staffel von Fargo an, die auf Netflix konsumiert werden kann. Wir erinnern uns: Fargo ist eigentlich der Titel eines legendären Streifens der Coen-Brüder aus dem Jahr 1997. Dieser zeigte die tief verschneite Landschaft des US-Bundesstaats Minnesota, in der Frances McDormand als hochschwangere Polizistin einen Entführungsfall aufklären muss, bei dem so einige ProtagonistInnen auf sehr bizarre Art und Weise ihr Leben lassen. An der gleichnamigen Serie sind die Coens immerhin noch als Produzenten beteiligt, Hauptideengeber ist aber Noah Hawley. In der ersten Staffel geht es um den Auftragskiller Loren Malvo, gespielt von Billy Bob Thornton, der eine außergewöhnliche Freundschaft mit dem Durchschnittsbürger und Versicherungskaufmann Lester Nygaard, eingeht. Letzterer, verkörpert von Martin Freeman, gerät durch seinen neuen Kumpel selbstverständlich in turbulente Fahrwasser und wird schließlich selbst zum Verbrecher. Während die Handlung von Staffel 1 in den Jahren 2006 und 2007 angesiedelt ist, verlegte Hawley die Staffel 2 dann in den März 1979. In deren Mittelpunkt stehen die von Kirsten Dunst gespielte Peggy Blumquist und ihr Ehemann Ed Blumquist (Patrick Wilson). Die beiden versuchen, die Unfallflucht und die Tötung von Rye Gerhardt zu vertuschen. Rye ist unglücklicherweise jedoch der Sohn von Floyd Gerhardt, der Chefin eines kriminellen Clans aus Fargo. Mehr soll hier auch nicht verraten werden. Nur, dass in der zweiten Staffel, anders als in der ersten, reichlich von der Splitscreen-Methode Gebrauch gemacht wird, um die Gleichzeitigkeit verschiedener Ereignisse zu suggerieren. Fernsehkritikerin Ulrike Klode zeigte sich in einer Rezension erleichtert, dass die Fortsetzung von Fargo trotz aller formellen Parallelen nicht so ein Flop geworden ist wie die Folgestaffel der HBO-Serie True Detective.

Babylon Berlin soll beweisen, dass man in Deutschland mit ganz großer Geste eine Serie produzieren kann, die auch international ankommt. Gleich drei bewährte Regisseure – Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik David E. Handloegten – haben sich zusammengetan, um die Kriminalromane von Volker Kutscher, deren Handlung in den sogenannten Goldenen Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts angesiedelt ist, filmisch zu adaptieren. Hauptprotagonist ist der aus Köln stammende Kommissar Gereon Rath, der als außenstehender Beobachter ins große Sündenbabel Berlin geworfen wird. Dort soll er in einem Erpressungsfall ermitteln und tut sich zu diesem Zweck mit seinen KollegInnen Lotte Ritter und Bruno Wolter zusammen. Gemeinsam waten sie durch einen Sumpf aus Drogen, Korruption und politischen Extremismus, aus dessen Zentrum sich der berühmt-berüchtigte Nachtclub Moka Efti erhebt. Sämtliche Nasen der hiesigen Filmschauspielkunst haben mindestens einen Kurzauftritt, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, das die Serie mit einem Budget von knapp 40 Millionen Euro als bisher teuerste deutsche Fernsehproduktion gelten kann. Und weil ein Teil davon aus den Gebühren für die Öffentlich-Rechtlichen stammt, kann Babylon Berlin ab dem 30. September endlich auch im Ersten konsumiert werden, nachdem das Werk schon im Herbst 2017 vom Bezahlsender Sky 1 gezeigt worden war. Die ersten drei Babylon-Berlin-Folgen werden sogar auf dem sonntäglichen Tatort-Sendeplatz ausgestrahlt. Mittlerweile hat die ARD bekanntgegeben, dass Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik David E. Handloegten an den Drehbüchern für zehn Folgen einer dritten Staffel arbeiten. Sie sollen auf Volker Kutschers Roman Der stumme Tod beruhen.

Körper und Seele lief im Wettbewerb der Berlinale 2017 und wurde als bester Film mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Das Werk hat es voll verdient. Die ungarische Regisseurin Ildiko Enyedi zeigt ihrem Publikum eine Liebesgeschichte, die sich jenseits aller einschlägigen Kintopp-Romanzen entwickelt. Hauptschauplatz ist ein Schlachthof in Budapest, nicht gerade ein Ort, der mit Zärtlichkeiten oder gar Erotik assoziiert wird. Endre, der introvertierte, mit einem gelähmten Arm geschlagene Finanzdirektor des Betriebs, verkriecht sich meistens in seinem Büro. Er wird aber auf Mária, eine neue Fleischqualitätsprüferin, aufmerksam, die von ihren KollegInnen in der Schlachthalle bald als seltsam und arrogant abgestempelt wird, da sie keinerlei Interesse an sozialen Beziehungen zeigt und pedantisch auf die Einhaltung von Vorschriften besteht. Um den Diebstahl eines Potenzmittels für Bullen aufzuklären, engagieren Schlachthofleitung und Polizei eine Psychologin, die die Beschäftigten zu ihren Gewohnheiten befragt. Dabei kommt zufällig zutage, dass der Finanzdirektor und die Kontrolleurin beide nachts regelmäßig denselben Traum haben, in dem sie einander als Hirsche in einem winterlichen Wald begegnen. Daraufhin beginnen sie auch im richtigen Leben mit der Annäherung an den anderen, wobei insbesondere Mária aufgrund ihres Asperger-Syndroms große Schwierigkeiten hat, sich auf emotionale und körperliche Intimitäten einzulassen. Erstaunlich, dass so ein leiser und kluger Film gerade an einem Ort entstanden ist, an dem ein illiberaler Premier laut und dumpf durchregiert. In einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel berichtet Ildiko Enyedis Ehemann, der deutsche Publizist Wilhelm Droste, dass ihre Hausmeisterin, nachdem seine Frau in den Medien öffentlich kundgetan hatte, sie schäme sich für die Zustände in Ungarn, sie beide nicht mehr grüße. Die Anhänger Viktor Orbáns, so Droste, hätten Enyedi und ihn auch schon als Marionetten von George Soros bezeichnret, die für den aus Budapest stammenden US-amerikanischen Investor und Philantrophen Stimmung gegen das Land machen würden.

I am Not Your Negro hätte in dieser Kategorie durchaus auch Platz 1 erringen können. Dem in Haiti geborenen Regisseur und Drehbuchautor Raoul Peck ist mit seiner Filmcollage eine wundervolle Hommage an den US-amerikanischen Schriftsteller James Baldwin gelungen, der in den sechziger Jahren als einer der schärfsten Kritiker des institutionellen Rassismus in den Vereinigten Staaten auftrat. Grundmotiv der Dokumentation sind Baldwins Ansichten über die von diesem Rassismus bestimmte Trennung des Schwarzen vom Weißen Amerika. Dazu verwendet Peck Briefe, die Baldwin an seinen Agenten Jay Acton geschrieben hatte, Texte, die der Schauspieler Samuel L. Jackson aus dem Werk des Autors zitiert, und eine Fülle biografischer Fotos und Ausschnitte von Interviews mit und Berichten über Baldwin, die in den fünfziger und sechsziger Jahren im US-Fernsehen gezeigt wurden. Peck rahmt seine Bilder aber auch mit einer Erzählung über weiße Gewalt gegenüber Menschen jeglicher Couleur in den Vereinigten Staaten, die einen Bogen von 1890 bis hin zum Tod von Michael Brown in Ferguson im Jahr 2014 spannt. Womit klar wird, dass James Baldwins scharfzüngige Bemerkungen zur Unterdrückung der Schwarzen in den USA leider nichts an Aktualität verloren haben. Raoul Peck arbeitete parallel zu I Am Not Your Negro auch an dem Spielfilm Der junge Karl Marx mit August Diehl in der Hauptrolle. In einem Interview mit der taz äußert Peck, dass die beiden Filme für ihn eine Rückkehr zu seinen theoretischen Grundlagen darstellten.

Nennungen

Sehr viele Menschen haben in Deutschland schon Weit gesehen, seit der Film Ende März 2017 Premiere gefeiert hatte. Und das, obwohl er eigentlich nur auf Pfaden jenseits der üblichen Vertriebswege für heimische Kinoproduktionen zirkulierte. Das spiegelt dann eigentlich auch den Inhalt von Weit ganz gut wieder. Es handelt sich um die Zusammenfassung eines audiovisuellen Tagebuches, das Gwendolin Weisser und Patrick Allgeier auf einer dreieinhalb Jahre dauernden Weltreise verfasst haben. Stets nahmen sie auf diesem Trip die weniger ausgetretenen Routen, ins Flugzeug sind sie nie gestiegen, denn es ging ihnen, wie sie auch auf der Webseite zum Film bekräftigen, darum, nicht den Kontakt zur Erde zu verlieren. Stattdessen wollten sie mit allen Sinnen wahrnehmen, wie sich beim Fortbewegen die Landschaften, Behausungen, Gesichter oder das Essen langsam verändern. Sich selbst hatten sie die Bescheidenheit ihrer Mittel verordnet, im Film lässt sich sehen, vor welche Herausforderungen sie das gestellt hat. Letztlich seien sie von zuhause aufgebrochen, um, wie sie mit entwaffnender Naivität erkären, zu lernen, was für andere Heimat bedeutet. Gestartet waren sie als Paar, an ihren Ausgangspunkt im Schwarzwald sind sie als Kleinfamilie zurückgekommen. Inzwischen haben Allgeier und Weisser die Promo-Aktivitäten für ihren Film abgeschlossen. Weit ist zwar nun aus dem Kinovertrieb draußen, kann aber gegen eine Gebühr von 5 Euro  im Stream angeschaut werden. Ein Fünftel der Einnahmen geht übrigens an ein Wohnprojekt für und mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen in Sibirien, das die beiden Globetrotter auf ihrer Reise kennenlernen durften.

The Square von Ruben Östlund wurde im vergangenen Jahr beim Filmfestival von Cannes uraufgeführt und dort gleich mal mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme, ausgezeichnet. Der schwedische Regisseur hatte zuvor seinen internationalen Durchbruch mit dem Film Turist erzielt, der mit einer Schneelawine in den Alpen aufmacht, um dann männliche Selbstbilder und -verständnisse auf gekonnte Weise zu sezieren. Im Grunde genommen setzt Östlund diese chirugische Praxis mit The Square fort, nur benutzt er bei dieser europäischen Koproduktion größeres und vielleicht auch etwas groberes Werkzeug. Und er schließt die Maskulinitätsbetrachtung hier mit einer Reflektion über den modernen Kunstbetrieb kurz. Der dänische Schauspieler Claes Bang mimt Christian, einen angesehenen Museumsfachmann und geschiedenen Vater zweier Töchter, der die Kontrolle sowohl über sein Leben als auch über die mediale Rezeption einer von ihm kuratierten Installation verloren hat. Dieses Kunstwerk, das ja auch der Namensgeber für den Film ist, existiert wirklich. Ruben Östlund schuf es im Vorfeld der Dreharbeiten gemeinsam mit dem Produzenten Kalle Boman. Es ist dauerhaft ins Pflaster des Marktplatzes der südschwedischen Stadt Värnamo eingelassen.

Kathryn Bigelow hat die Angewohnheit, in ihren Filmen Gewalt und Schrecken so drastisch und detailliert auszuformulieren und dabei das Kameraobjektiv so nah ans Geschehen ranzuhalten, dass ihr oftmals unterstellt wird, es gehe ihr am Ende stärker um den ästhetischen Gewinn als um die politische Botschaft, die der jeweilige Streifen laut Pressetext transportieren soll. Auch in Detroit wird noch die kleinste Geste der Brutalität aufgezeichnet. Die Gewalt geht von weißen Beamten aus, die eine Razzia in einem überwiegend von Schwarzen bewohnten Motel veranstalten. Es ist das Jahr 1967, in Detroit, der Autostadt der USA, kommt es regelmäßig zu Unruhen, ausgelöst durch die rassistisch motivierte Repression, die staatliche Institutionen gegenüber der schwarzen Innenstadtbevölkerung ausüben. Bigelow konzentriert diese Unterdrückung in der Person des Polizisten Philip Krauss, ein Babyface, das sich während der Razzia geradezu als sadistischer Dämon entpuppt. Weshalb Bigelow sich konkret den Vorwurf eingehandelt hat, in Detroit das Strukturelle am Rassismus unterzubelichten und diesen allein als individualpsychologisches Defizit zu zeichnen. Nun ja, es sind doch immer handelnde Akteure, die eine Struktur erst lebendig werden lassen, aber vielleicht hat Bigelow tatsächlich die hinter den Schergen stehenden Apparate in ihren Bildern verunschärft, zu Gunsten der maximalen Großaufnahme von Hass und Pein. Nichtsdestotrotz verdient Detroit das Etikett “wichtiger Film” – weil er als eine der wenigen Produktionen aus der “Traumfabrik” überhaupt das Trauma der anhaltenden und gewalttätigen Diskriminierung der Schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zur Sprache bringen und in Bilder zu fassen versucht.

Long Time Running ist ein Dokumentarfilm der kanadischen RegisseurInnen Nicholas de Pencier und Jennifer Baichwal. Die zwei haben die mit ihnen befreundete Band The Tragically Hip 2016 auf deren Man Machine Poem Tour mit der Kamera begleitet. Kurz zuvor diagnostizierten die Ärzte bei Gord Downie, dem Sänger der Combo, einen unheilbaren Gehirntumor, womit plötzlich klar wurde, dass die Tour eine Abschiedsreise werden würde – für die Band in ihrer bisherigen Form, die damals immerhin schon 32 Jahre bestand. Ihren allerletzten Gig absolvierte das Quartett selbstverständlich in ihrer Heimatstadt Kingston, im Bundesstaat Ontario. Sogar Premierminister Justin Trudeau war bei diesem Ereignis anwesend. Der Trailer deutet an, dass Long Time Running durchaus als eine cineastische Huldigung Kanadas verstanden werden kann, die selbstverständlich auch in Abgrenzung gegenüber dem südlichen Nachbarn geschieht: Seht her! Während in den USA ein fieser, empathieloser Immobilienhai im Weißen Haus hockt, der seine Anhänger draußen zu Hass und Gewalt anstachelt, finden die Bewohner*innen des Landes zwischen Halifax und Vancouver zusammen, um einem todkranken Musiker und damit letztlich auch einander die größtmögliche Zuneigung und menschliche Wärme entgegenzubringen. Kanada ist dennoch kein Paradies, auch dort sterben Menschen durch Waffengewalt auf der Straße. Und insbesodere im Bundesstaat Ontario regiert seit kurzem der konservative Politiker Doug Ford – eine Ahornsirupversion von Donald Trump.

Den Film Alles Gut hat Pia Lenz im Alleingang gemacht, es ist ihr Beitrag zur Debatte um das Merkelsche “Wir schaffen das”, die Willkommenskultur und die Forderung an die nach Deutschland Geflüchteten, sich zu integrieren, die seit 2015 im Gange ist. Ein Jahr lang beobachtete Pia Lenz, wie der siebenjährige Djaner aus Mazedonien und die elfjährige Ghofran aus Syrien versuchen, in ihrer neuen Heimatstadt Hamburg anzukommen. Weil Lenz kein einschüchterndes Team im Schlepptau hatte, kam sie den beiden Kindern sehr nahe. Eindrücklich zeigt Alles Gut, welche äußeren und widerstreitenden Kräfte selbst auf die Jüngsten unter den Refugees einwirken, obwohl diese eigentlich nur ohne Angst und in Ruhe spielen und lernen wollen. Ende August 2017 wurde Alles Gut von der ARD ausgestrahlt – an einem Mittwoch um 23.15 Uhr. Eigentlich eine Frechheit für einen öffentlich-rechtlichen Senderverbund, der den Auftrag hat, die Zuschauer aufzuklären und zu bilden. Stattdessen bringt das Erste zur Prime Time lieber den Populismus-Inkubator “Hart aber Unfair”, der offensichtlich mit dazu beigetragen hat, dass das Reden über Geflüchtete in der Bundesrepublik mittlerweile so giftig und unmenschlich tönt. Pia Lenz demonstriert dagegen, dass es durchaus möglich ist, Überforderung und Ratlosigkeit sowohl auf der Seite der Neuangekommenen als auch auf jener der hilfsbereiten oder zumindest zuständigen Alteingessenen sichtbar zu machen, ohne die Zuschauer*innen daraus ableiten zu lassen, dass Deutschland sich gefälligst gegen Flüchtlinge abschotten muss.

Was für ein Thema hat wohl ein Film, der Untitled heißt? Der österreichische Regisseur Michael Glawogger wollte sich selbst keine fixen Vorgaben machen. Es ging ihm bei diesem Projekt darum, ein Jahr lang um die Welt zu reisen und mit der Kamera einfach das festzuhalten, was ihm unterwegs begegnen würde. 2014 machte Glawogger sich also zusammen mit seinem Kameramann Attila Boa auf – zunächst nach Italien und auf den Balkan, später dann nach Nord- und Westafrika. Entstanden sind dabei oft ruhigere, weniger explizite Bilder als jene, die Glawoggers Filme Megacities (1998), Working Man’s Death (2005) und Whores‘ Glory (2011) auszeichnen und dem Regisseur zu internationaler Reputation verhalfen. Leider verstarb Michael Glawogger während der Dreharbeiten zu Untitled in Liberia an einer besonders aggressiven Form der Malaria. Weswegen seine Cutterin Monika Willi zur Ko-Regisseurin wurde und den Film aus dem schon vorhandenen Rohmaterial fertigstellte. Glawogger bleibt in Untitled vor allem durch seine Notizen präsent, die er sich während seiner Reise gemacht und auch schon in der Süddeutschen Zeitung und dem österreichischen Standard veröffentlicht hatte. Eingesprochen wurde der Text von der Schauspielerin Birgit Minichmayr. Das klingt eingeraucht und roh, aber auch sehr warm, meint Spiegel-Online-Kritikerin Carolin Weidner. Monika Willi versteht Untitled als ein Porträt unseres Planeten und als „Abgesang auf menschlichen und tierischen Alltag“. Der Film verweist nicht zuletzt auch auf die Riesenlücke, die mit den Tod von Michael Glawogger im Genre des deutschsprachigen Dokumentarfilms entstanden ist.

Den Herrn Lehmann kennt praktisch die ganze Republik. Er ist Haupt- und Nebenfigur in den Romanen von Sven Regener und wurde in den Verfilmungen dieser Werke jeweils von Christian Ulmen und Frederick Lau dargestellt. Regener hat aber auch ein Buch geschrieben, in dem keiner der ProtagonistInnen aus dem üblichen Mikrokosmos des Mauerblümchens Kreuzberg auftritt. Es heißt Magical Mystery, angelehnt an den Beatles-Musikfilm Magical Mystery Tour aus dem Jahr 1967 und handelt von der Reise einer verstrahlten Techno-Truppe durch das wiedervereinigte Deutschland Anfang der neunziger Jahre. Im Mittelpunkt steht hier ein Mensch namens Karl Schmidt, ein in die Jahre gekommener Pionier der elektronischen Musik, der schon einige psychotische und depressive Schübe hinter sich gebracht hat. Entgegen dem Rat seines Betreuers heuert er als Fahrer und Aufpasser der Chaos-Combo an. Er schafft es, trotz seiner eigenen Destabilität, die Djs und ihren Anhang sicher von Ort zu Ort zu kutschieren, muss bei einem Event sogar selbst die Turntables bedienen und verguckt sich in Rosa, eine Mitreisende. Nach Abschluss der Tour schafft Karl Schmidt auch noch den Absprung nach Berlin, wo er zusammen mit seiner Flamme ein neues Leben beginnt. Dass diese Story dankbares Filmmaterial ist, liegt auf der Hand. Regener höchstpersönlich hat seinen Roman in ein Drehbuch übersetzt, das dann von Arne Feldhusen audiovisualisiert wurde. Und der konnte schließlich den supertollen Charlie Hübner dafür gewinnen, die Rolle des Karl Schmidt zu übernehmen. Allein schon deswegen lohnt es sich, mit auf die Magical Mystery Tour zu gehen. Und ja: Auch die Techno-Ära ist nun ferne Geschichte. Aber solche, die damals, wie Karl Schmidt, schon etwas älter waren, sahen da längst nicht so schlecht gealtert aus wie heute manche derjenigen, die im Second Summer of Love mit 15 ihre first drug experience hatten.

Auch noch: Valeska Grisebach: Western / Katja von Garnier: Ostwind 3 – Aufbruch nach Ora / Wong Kar Wai: Happy Together / Wim Wenders: Im Laufe der Zeit / Noah Hawley: Fargo1 Netflix-Serie / Ai Weiwei: Human flow / Catherine Bainbridge & Alfonso Maiorana: Rumble – Das rote Herz des Rock / George Clooney: Suburbicon / Fatih Akin: Aus dem NichtsBruce Miller: Handmaid’s Tale 1, Hulu-Serie / Hans-Christian Schmid: Das Verschwinden, ARD-Serie / Kelley & Jean-Marc Vallée: Big Little Lies 1, HBO-Serie / Leander Haußmann: Das Pubertier / Lutz Heineking jr. & Markus Sehr & Robert Löhr: Das Institut, BR/NDR-Serie / Democracy now! / Morning Joe, MSNBC / Theodore Melfi: Hidden Figures / Rupert Sanders: Ghost in the Shell / Sofia Coppola: Die Verführten / Jonathan Nolan & Lisa Joy: Westworld, HBO-Serie / Marc Eberhardt: Meuthen´s Party / Werner Schweizer: Offshore – Elmer und das Bankgeheimnis / Liz Flahive & Carly Mensch: Glow, Netflix-Serie / Morgan Neville: erste Folge von Abstrakt – Design als Kunst, Netflix-Serie / Griffin Dunne: Joan Didion – Die Mitte wird nicht halten / Phoebe Waller-Bridge: Fleabag, BBC/Amazon-Prime-Serie / Susanne Steinmassl: The Future Is Not Unwritten / Maren Ade: Toni Erdmann / Jim Demuth: Holy Land Startup Nation / SABU: Mr Long / Barry Jenkins: Moonlight / Francis Lee: God’s Own Country / Aki Kaurismäki: Die andere Seite der Hoffnung / Fernando León de Aranoa: Política, manual de instrucicones / Everardo González: La libertad del Diablo / Kenneth Branagh: Thor

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