Lieblingskonzertacts 2017

Platz 1

Nicolas Jaar kam schon in einer der frühesten eareyeam-Ausgaben vor, nämlich in der zweiten des Jahres 2011. Damals war gerade sein Debütalbum Space Is Only Noise erschienen, das heute ohne Frage als ein Meilenstein der elektronischen Musik gilt. Auch Jaars zweite Soloplatte Sirens ist ’ne Wucht und demonstriert, wie unerschrocken der US-amerikanisch-chilenische Künstler seinen digitalen Sound nahe an New Wave oder Post-Punk heranführt, ohne ihn mittels dieser Genres retrohaft zu überformen. Sirens erhielt deshalb zu Recht auch eine Nennung in der eareyeam-Lieblingsalbum-Kategorie 2016. Und nun hat Nicolas Jaar dank der Stimme von drei Poll-TeilnehmerInnen den Spitzenplatz in der Lieblingskonzertact-Rubrik 2017 erklommen. Gesehen haben ihn die drei beim letztjährigen Montreux Jazz Festival. Allerdings existieren im Netz keine Videos die Jaars Performance an den Gestaden des Genfer Sees wiedergeben, deshalb dient hier als Platzhalter ein Clip von seinem Auftritt am 16. Juli 2017 auf dem Pitchfork Music Festival in Chicago. Wie man sehen kann, hat Nicolas Jaar auch keine Scheu, live ein Saxophon für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Außerdem schafft er es wie kaum ein anderer, aus dem Drehen von Knöpfchen, dem Verschieben von Reglern und Drücken von Tasten doch so etwas wie eine Art Rock’n-Roll-Act zu generieren – dank seiner an Alan Vega geschulten Stimme, der Springsteen-haften Appearance und der körperlichen Anstrengungen, die ihm die Bedienung der Apparaturen zu kosten scheinen. Was aus diesen rauskommt, ist auf jeden Fall umwerfend.

Ein letztes Mal Rusty Nails oder Bad Kingdom live hören, bevor Moderat in die angekündigte, lange Schaffenspause geht? Das hatten sich drei eareyeam-LeserInnen vorgenommen und pilgerten am 2. September des vergangenen Jahres in die Berliner Wuhlheide – zum finalen Konzert des Trios. Da die meisten Tracks von Gernot Bronsert, Sebastian Szary und Sascha Ring sowieso nach Melancholie und Abschied klingen, war Gänsehaut und Tränengekuller bei dem Ereignis von vorneherein eingepreist. Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht, sonst hätten die LeserInnen das Ereignis in der Wuhlheide ja nicht neben Nicolas Jaars Montreux-Gig auf den ersten Platz dieser Rubrik gewählt. Moderat zerfällt also temporär wieder in seine beiden Einzelteile Modeselektor und Apparat, aber irgendwann wird es selbstverständlich ein großes Rückkehrkonzert geben, mit dem die Band dann gute Chancen hat, erneut hier aufzuschlagen.


Platz 2

Boy ist ein sympathisches deutsch-schweizerisches Frauen-Duo, das seit 2007 unterwegs ist, bei Grönland Records unter Vertrag steht und dort 2012 seine Debüt-LP veröffentlichte. Die Platte schaffte es sogar im selben Jahr auf den ersten Platz der eareyeam-Lieblingsalbumkategorie. Fünf Jahre später sind Valeska Steiner und Sonja Glass in der Hamburger Elbphilharmonie gelandet. Ja, klar, geilste Akustik der Welt und so. Die Versuchung, dieses Klangwunder der eigenen Musik angedeihen zu lassen, ist groß. Und doch muss man fragen: Ist die Elphi wirklich der allerbeste Rahmen für einen Auftritt der beiden Frauen und ihrer Begleitband? Die Songs von Boy sind doch eher etwas für intimere Raumsituationen, in den Youtube-Videos, die das Konzert dokumentieren, wirkt der Stuhlhalbkreis der Musikerinnen in dem Saal fast etwas verloren und deplatziert. Davon kann auch die Lichtshow nicht wirklich ablenken. Das Publikum bleibt in der Distanz und muss in die Sitze pupsen, obwohl es garnicht Beethovens vierter Sinfonie lauscht. Zwei LeserInnen-Poll-TeilnehmerInnen befanden sich zum Zeitpunkt der Boy-Performance ebenfalls in der Elbphilharmonie und müssen das Geschehen aber komplett anders wahrgenommen haben, sonst wäre dieser Gig ja wohl nicht auf Platz 2 der Lieblingskonzertkategorie gelandet.

Nennungen

Wen es in ein The-Black-Lips-Konzert verschlägt, der kann nicht enttäuscht werden. Das Quintett verausgabt sich gerne auf der Bühne, auch wenn es den Gepflogenheiten der Anfangszeit mittlerweile abgeschworen hat. Kotzen, Urinieren, Nacktheit, Feuerwerk, brennende Gitarren gehörten einmal zu den unvorhersehbaren Showeinlagen der Männer aus Atlanta, Georgia. Ein Leser hat The Black Lips vergangenes Jahr im Berliner Festsaal Kreuzberg gesehen. Da von diesem Auftritt kein brauchbares Video existiert, kommt hier nun ein Auschnitt von ihrem Gig auf dem letztjährigen SXSW-Festival im texanischen Austin. Er beweist: The Black Lips liefert den Sound, den Baseballkappenträger hören wollen.

Noch in jedem eareyeam-LeserInnen-Poll schaffte es mindestens eine Band oder ein/e MusikerIn, in gleich mehreren Rubriken prominent platziert zu werden. 2017 war anscheinend das Jahr der UK-Combo Idles, die ihr ja schon in der Lieblingsvideo- und in der Lieblingssong-Kategorie sehen und hören konntet. Nun also ein Auftritt von Idles in der Lieblingskonzertact-Spalte. Ihr Song Mother soll hier nicht ein weiteres Mal ertönen, deshalb zeigt eareyeam einen Clip, in dem die Gruppe das Stück Well Done darbietet. Aufgenommen wurde die Performance im vergangenen Juli auf dem britischen Festival Standon Calling. Und eindeutig stiehlt dabei Gitarrist Mark Bowen im roten T-Shirt mit seiner zwischen Schmidtchen-Schleicher-Bewegungen und Headbanging angesiedelten Körperarbeit Sänger Joe Talbot die Show. Dabei ist Bowen eigentlich ein recht ruhiger Zeitgenosse, wie man in einem Video sehen kann, in dem er und Talbot für den WDR-Rockpalast interviewt werden. Obwohl – in seinem früheren Leben war er doch tatsächlich Techno-DJ in Bristol, der Heimatstadt von Idles. Bleibt nur noch, auf das kommende Album der Band aufmerksam zu machen. Es trägt den Titel Joy as an Act of Resistance und wird derzeit mit der Vorab-Single Danny Nedelko beworben. Die Gruppe stellt in den Lyrics des Songs klar, dass Xenophobie und Rassismus für sie garnicht gehten, Idles feiert die Immigrant*innen und der tatsächlich existierende Danny Nedelko ist einer der Zugewanderten. Er stammt aus der Ukraine und steht auch im Mittelpunkt des Clips zu dem Stück. Darin agiert er mit viel Charme und Chuzpe und holt sich die OK-Handgeste von den weißen Suprematisten zurück.

Die kanadische Band Arcade Fire veröffentlichte 2017 das fünfte Studioalbum Everything Now – es war ihr erstes, das sowohl vom Feuilleton als auch von ihren Fans nicht mit einhelliger Begeisterung rezipiert wurde. Die Gruppe um Win Butler und Régine Chassagne hat sich noch ein Stück weiter von ihren Indierock-Anfängen entfernt und dem auf der Platte vorherrschenden Spacko-Disco-Sound textlich eine ganze Menge Kulturkritik übergeholfen. Dass Arcade Fire die eigene Spezialität, nämlich das chorale Abfeuern pathetischer Refrains, jetzt schon seit einer Weile mit Elektro-Glitter schalldämmt, hat der Band immerhin soviel neue ZuhörerInnen beschert, dass auch ihre letztjährigen Konzerte in Nordamerika und Europa ausverkauft waren. Als Headliner traten sie neben Justice und Phoenix im vergangenen Juli beim traditionsreichen Festival Les Eurockéennes in Belfort auf, wo sich auch ein eareyeam-Leser in der Menge vor der Bühne befand. Dort beendeten sie ihren Gig sicherheitshalber mit Wake Up, einer Single von ihrem Debütalbum Funeral aus dem Jahr 2005. Damit die KonzertbesucherInnen das Festivalgelände mit dem guten Gefühl verlassen konnten, doch noch erweckt worden zu sein – dank jenes quasi-religiösen Pathos, das allein das Säulengang-Feuer unter Aufbietung sämtlicher Instrumente und Stimmen freizusetzen versteht.

Wow, die Band Magma gibt es schon seit 1969, im kommenden Jahr wird sie also ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiern können. Leider ist sie über all die Zeit ihres Bestehens nicht so bekannt geworden wie andere Dinosaurier, also wie zum Beispiel die rollenden Steine, denn Magma brodelte immer weit ab vom Mainstream: Die Formation ist in Frankreich beheimatet, hat mehrere große Schaffenspausen eingelegt, fühlte sich von Beginn an statt der simplen Melodie immer der langen Progrock-Distanz verpflichtet, und die Mitglieder singen in der selbst von ihnen erfundenen Kunstsprache Kobaïen. Die Magma-Lyrics handeln nämlich auch vom Leben auf einem fiktiven Planeten namens Kobaïa. 2017 trat die Formation auf dem Roadburn Festival im niederländischen Tilburg auf, ein eareyem-Leser war von ihrem Gig so begeistert, dass er sie unbedingt in der Lieblingskonzertact-Kategorie sehen wollte. Das folgende Video zeigt allerdings eine Magma-Performance im Stockholmer Kulturhuset im vergangenen Oktober. Acht Leute befinden sich dabei auf der Bühne, wobei der Gründer und Mastermind von Magma etwas im Hintergrund agiert. Christian Vander sitzt nämlich am Schlagzeug, ist aber mit seinen schnellen, einen Dauerwirbel verursachenden Beats dennoch akustisch höchst präsent. Am Schluss des Tracks Hhai ergreift er sogar das Mikro und überführt den Chor der aktuellen Magma-SängerInnen – die mit den blonden Haaren ist seine Ehefrau Stella Vander – in eine Art liturgische Passage. Irgendwie droht das Ganze schon die Grenze zur Esoterik zu überschreiten, wäre da nicht das jazzige Augenzwinkern, mit dem die Band sich mit ihrem Publikum verständigt.

2016 hatte der Berliner Musiker Fetsum Sebhat eine Menge KollegInnen für die Idee eines Peace x Peace Festivals in der Waldbühne gewinnen können. Seeed und die Beatsteaks traten ohne Gage auf, und die Einnahmen aus dem Ticketverkauf gingen sämtlichst an Unicef-Hilfsprojekte für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten. Der Erfolg der Veranstaltung veranlasste Sebhat, selbst Sohn von Flüchtlingen aus Eritrea, 2017 für eine Neuauflage des Festivals zu sorgen. Diesmal waren zum Beispiel Freundeskreis und Johannes Oerding mit von der Partie. Die Fantastischen Vier performten ihr Stück Einfach Sein zum ersten Mal live gemeinsam mit Backgroundsänger Herbert Grönemeyer. Und Fritz Kalkbrenner lieferte zuvor den adäquaten Soundtrack für das Brutzeln von Kinder- und Elternhirnen unter der Berliner Spätnachmittagssonne.

Immer noch funkeln die Sterne hell, auch wenn sie schon so lange am Indie-Himmel stehen. Die Band um Sänger und Gitarrist Frank Spilker hatte in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Soundtrack für das Leben in Großstadt-StudentInnen-WGs geliefert, ihre Musik klang dabei so funky wie sonst keine aus den Klassenräumen der Hamburger Schule. Ihre Fans von damals haben allerdings zumeist nicht den Titel einer der ersten Sterne-Songs beherzigt und das System gefickt, stattdessen wurden Familien und Betriebe gegründet, während die Gruppe weiterhin in regelmäßigen Abständen die Bühnen kleinerer Konzerthallen bespielte. Im Februar 2017 packten die Sterne ihr Equipment mal wieder im Bremer Lagerhaus aus und gaben ihre interessantesten Gedanken zum Besten. Um nachzuschauen, wie groß der Abstand zwischen sich und diesen Gedanken inzwischen geworden sein könnte, kamen gerade die das System am Ende doch nicht gefickt habenden Fans zahlreich zu diesem Auftritt. Sie stellten beruhigt fest, dass Frank Spilker auch nur einer der ihren ist und konnten anschließend von einem wundervollen Konzerterlebnis schwärmen. Wer hat uns bloß so ruiniert?

Jane Weaver hat Durchhaltevermögen gezeigt. Schon seit 1993 ist sie musikalisch unterwegs, seit 1998 verfolgt sie eine Solokarriere, doch erst im vergangenen Jahr konnte sie international so richtig Aufmerksamkeit generieren – mit ihrem Album Modern Kosmology. Was immer auch der Grund dafür ist – etwa, dass das Publikum sich nach einem Sound sehnt, der es irgendwie an die Band Stereolab erinnert, die einfach nicht mehr aus ihrer Dauerpause auf die Bühne zurückkehren will, oder sich daran erfreut, dass eine erfahrenere Frau an der Eleganz von Psychedelia festhält und dabei eine rein aus Männern bestehende Supportband dirigiert – Jane Weaver hebt sich auf eine zugleich auch sehr britische Art vom Rest der derzeitigen Musiklandschaft ab. Ein eareyeam-Leser erfreute sich im vergangenen Jahr an einem Auftritt von Jane Weaver im Privatclub in Berlin-Kreuzberg und wollte diesen in der Lieblingskonzert-Kategorie für 2017 gewürdigt sehen. Leider gibt’s von dem Gig kein Video im Netz, dafür ließ sich auf Youtube aber ein Clip finden, der Weaver und ihre Begleiter auf der kleinen Bühne des Plattenladens Rough Trade East in London zeigt. Sie performen Slow Motion, einen wirklich schön-traurigen Popsong.

Das Westküsten-Duo Knower hat während der vergangenen acht Jahre eine äußert beschleunigte und elektronisch upgedatete Variante von Funk durch die „sozialen“ Medien gepumpt und sich damit eine solide Fanbase geschaffen. Die expandiert gerade sogar noch, dank einer erhöhten Auftrittsdichte in Good Ol‘ Europe, wo man ja verrückten, überdrehten Sounds gegenüber doch ein wenig aufgeschlossener ist als in den USA. Irgendwie haben Louis Cole und Genevieve Artadi, die beiden Kenner, im Zuge ihrer Fahrten in die alte Welt eine Liebe zu Schweden entwickelt. Nicht nur nehmen sie immer wieder den Stockholmer Urban-Soul-Musiker Dim Out mit auf Konzerttournee, sie haben auch mindestens einen Live-Auftritt mit der Norrbotten Big Band absolviert, die seit 1986 in der nordschwedischen Stadt Luleå zuhause ist. Dieses Ensemble hat sich schon von Anfang an nicht darauf beschränkt, einfach nur Jazz zu spielen, sondern regelmäßig Ausflüge in den Hip Hop oder Drum’n Bass unternommen. Das folgende Video dokumentiert das gemeinsame Konzert von Knower und der Norrbotten Big Band Ende September 2017 im Blackbox Acusticum von Piteå. Sie performen Thinking, eine Solonummer von Louis Cole, die durch die stellenweise leicht ins Dissonante driftenden Orchesterbläser bedeutend mehr Wumms und Komplexität erhält als das Stück ursprünglich besitzt.

Weil eine Leserin so begeistert vom Auftritt von The National am 24. Oktober vergangenen Jahres im Berliner Tempodrom war, ist die US-Band nicht nur in der Lieblingsalbum-Kategorie des eareyeam-LeserInnen-Poll 2017 untergekommen, sondern konnte sich auch einen Platz in dieser Rubrik sichern. Das folgende Video zeigt ihre Darbietung von Vanderlyle Crybaby Geeks in besagter Location. Der Song vom 2010er Album High Violet hat sich zum regulären Schlussakkord der Gigs von The National entwickelt, weil das Publikum bei keinem anderen Stück so festlich gestimmt und gänsehäutend mitsingen kann wie bei diesem. Ein Lob geht an Eleonora Ducci, die den Tempodrom-Clip auf Youtube gepostet hat. Seine visuelle und akustische Beschaffenheit liegt weit über der Qualität der Amateur-Konzertvideos, die sonst auf der Plattform zu finden sind. Man kann sich beim Anschauen von Duccis Video gut vorstellen, dass man selbst zum Crybaby geworden wäre, hätte man am Ende des Gigs so nah bei Berninger und Co. gestanden wie sie.

Ist das jetzt alles echt? Oder kommt die Musik doch aus der Konserve, während die Herren da oben auf der Bühne nur so tun, als ob sie die Saiten zupfen oder die Trommel schlagen würden? Wie zum Teufel schafft Mick Jagger es bloß, so schlank wie ein Laufsteg-Model zu bleiben? Isst der nichts? Das sind so gemeine Fragen, die aufkommen, schaut man sich Aufnahmen von einem Konzert der Rolling Stones an. Man könnte aber auch einfach Bewunderung dafür zeigen, dass die Steine trotz ihres fortgeschrittenen Alters den ganzen Zirkus immer noch nicht über haben und auch im vergangenen Jahr als lebendiges Rock’n-Roll-Museum durch Europa zogen. Dabei machten sie Station in München, wo die Dichte der Haushalte, in denen der männliche Teil Besuchern stolz und eitel die eigene vollständige Stones-Vinyl-Sammlung vorführt, besonders hoch sein dürfte. Selbstverständlich gehört der Leser, der den Auftritt von Jagger, Keith Richards, Ronnie Wood und Charlie Watts im Olympiastadion als sein Lieblingskonzert gelistet hat, nicht zu diesen Saturierten, dafür sorgt allein schon die Gnade der späten Geburt. Eareyeam kann gut verstehen, dass man gerne herausfinden möchte, wie Songs – zum Beispiel Paint It Black -, die schon aus den Lautsprecherboxen der elterlichen Stereoanlage plärrten, als man selbst noch in den Windeln lag, live gespielt klingen. Die Zeit wird kürzer, in der dies möglich ist.

Es ist fast vier Jahre her, seit Sinkane das erste und einzige Mal bei eareyeam vorkam. Die Ausgabe 4/14 präsentierte das Video zu seinem Song How We Be. Nun hat es der US-Musiker mit sudanesischen Wurzeln dank überzeugender Live-Performance auch mal in die Kategorie der Lieblingskonzertacts geschafft. Eine Leserin, die Sinkane im April des vergangenen Jahres in der Berliner Volksbühne hat spielen sehen, wollte das so. Von dem Gig gibt es leider keine Clips im Netz, dafür enthält das untenstehende Video eine Aufzeichnung des fast einstündigen Sinkane-Auftritts auf dem Festival Jazz à la Villette in Paris im September 2017. Sinkane eröffnet seinen Gig zunächst mit psychedelischen Tönen, dann stellt sich aber recht schnell dieser spezielle funky Groove ein, der vor allem die Hipster der westlichen Großstädte auf Ahmed Abdullahi Gallab, wie der Multiinstrumentalist jenseits der Bühne heißt, hat aufmerksam werden lassen. Sinkanes hochgepitchte Stimme korrespondiert während der gesamten Performance vortrefflich mit dem Organ der tollen Sängerin Amanda Khiri. Und überhaupt hat der Mann sich eine wirklich großartige Begleitcombo zusammengestellt. Mit dieser errichtet er auf der Bühne schließlich eine sehr eigensinnige Klangarchitektur aus Elektronika, Progrock und sudanesischem Pop, die noch eine Weile stehenbleibt, wenn die Musiker schon längst wieder im Backstagebereich chillen. Kommt Sinkane das nächste Mal in Deine Stadt – verpasse ihn lieber nicht.

Mensch, dieser mysteriöse Barnaby Tree, der war doch schon in der letztjährigen Lieblingskonzertact-Kategorie. Auch 2017 hat der Multiinstrumentalist jeden Montag in die Harzer Str. 119 in Berlin-Neukölln geladen, um vor kleinem Publikum sein Musical Pie Kino aufzuführen, das heißt, mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln, inklusive des eigenen Körpers, eine musikalische Performance darzubieten, die jedes Mal eine andere Form annimmt. Die Anwesenden wissen also vorher nicht, ob sie der Rezitation eines Gedichts, einem Cello-Konzert oder einer Piano-Session beiwohnen werden. Es ist sympathisch, dass Barnaby Tree diese Auftritte nicht dokumentieren lässt und wahrscheinlich auch die Zuschauer darum bittet, sie nicht mit ihren Smartphones zu filmen. Nur bleibt einem deshalb nichts anderes übrig, als auf sonstiges Videomaterial zurückzugreifen, um die Showqualitäten des aus Großbritannien stammenden Wahlberliners zu belegen. Der untenstehende Clip zeugt vom klavierspielerischen Talent des Barnaby Tree, Stand 2012. Die Kamera stand damals im Restaurant Lagari, ebenfalls in Neukölln. Klingt ein wenig, als ob Tree zu dieser Zeit die Musik des Berlins der zwanziger Jahre für sich ins Hier und Jetzt zu übersetzen versuchte.

Wer behauptet denn, dass es in Frankfurt nur “Bad Banks” und sonst nichts Gutes gibt? Die drei Mitglieder von The Alan Baker Band sind nicht etwa die HausmusikerInnen eines traditionsreichen Südlondoner Pub, sondern zelebrieren den Garagenrock zwischen Zeils- und Fechenheim. Ihren rohen Retrosound mögen sicherlich auch Beschäftigte des allgegenwärtigen Finanzdienstleistungssektors, die nach Feierabend ja gerne Garderobe und Gesinnung wechseln. Thorsten Eichler, der Sänger und Gitarrist der Band mahlt ihnen tagsüber sogar ihren Kaffee, abends aber lässt er gelegentlich Mainhattan zur Modtown werden, wo mal nicht die Börsenkurse, sondern höchstens die Mikros übersteuert sind – wie zum Beispiel im März 2016 im Kunstverein Familie Montez, noch so ein Etablissment, das verzweifelt gegen den Ruf der Stadt als Showroom der Aalglatten ankämpft. eareyeam ist übrigens absoluter Fan der Schlagzeugerin Christl Pullmann (womit Bassist Ulf Henkemeier hier keinesfalls unterschlagen werden soll) – ohne die wäre The Alan Baker Band nämlich nüscht. Sie ist es, die den Stücken der Combo die notwendige Energie und Präzision verleiht. Auf Pullmanns Youtube-Channel steht seit vergangenem Dezember auch das jüngste Video des Trios. Es illustriert den Song You and Me und dokumentiert eine Reise der Gruppe nach – wie könnte es anders sein – England, wo sie unter anderem Station im Plattenladen Wanted Records in Bristol machen. Tja, so einige Finanzheinis werden nach dem Brexit wohl die Insel in Richtung Frankfurt verlassen – aber The Alan Baker Band simuliert schonmal den Franxit ins Vereinigte Königreich.

Auch noch: Savages / Nick Cave / Big Business / Aimee Mann / Tori Amos / Little Simz / Sehnsuchtslieder von der Gegenküste, Golden City Hafenbar Bremen / Phoenix / Parcels / Novaa und Mogli / Dim Out / Oh Wonder / Future Islands / Gogo Penguin / Soulwax / Bilderbuch / Merry Jeann / unplugged Kapelle / Gérald Kurdian/This is the Hello Monster

Hier geht es zu den Lieblingsbüchern 2017

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