Video of the Week 2/18


Reykjavikurdaetur is wieder in da house. Und jetzt sogar musikalisch. Bisher rappten die MCs der all female Hip-Hop-Posse aus der isländischen Hauptstadt meist über Mid-Tempo-Beats, deren Aufgabe es zudem war, leicht dissonante und experimentelle Synthie-Sounds in eine feste Struktur zu fassen. Aber hey, in diesem Sommer haben die Frauen auf einem Terrain gewildert, das ganz im Norden Europas eigentlich eher die Veteranen von Gus Gus bewirtschaften: Bei Ekkert drama liegt die Hi Hat klassisch auf der 2 und 4, und vor allem die monströse Bridge im letzten Drittel des Tracks ragt mit Melodie und Stimme bis in die 80er Jahre hinein, als House gerade mal den Weg aus Chicago heraus gefunden hatte. Das haben die Jungs von BLKPRTY ziemlich fett hingekriegt. Ja, die Töchter Reykjaviks lassen sich ihre Stücke auch von Kerlen schneidern, Hauptsache, sie selbst stehen im Vordergrund. Für den Hausbesuch haben sie sich mit Svala zusammengetan – ein kleiner Culture Clash, denn während Reykjavikurdaetur zweifellos das Zeug zum Feuilleton-Darling hat, wollte Svala in der Vergangenheit die isländische Taylor Swift werden und zog der Karriere wegen sogar nach Los Angeles. Im Jahr 2017 repräsentierte Svala ihre Heimat beim Eurovision Song Contest in Kiew, schied aber mit dem Song Paper im Halbfinale aus. 1995 hatten die IsländerInnen übrigens Svalas Vater, den Sänger Björgvin Helgi Halldórsson, zum ESC in Dublin geschickt. Der konnte mit dem Titel Núna auch nur den 15. Platz ergattern. Bei dem europäischen Gesangswettbewerb haben die MusikerInnen von der Vulkaninsel noch keinen Blumentopf gewinnen können, was geradezu als Qualitätsausweis für die dortige Szene gesehen werden kann. Sowieso kennt jedes Kind auf der Welt Björk, fast jedes zweite hat schonmal Emilíana Torrini gehört und Emos aller Länder stehen auf Sigúr Ros. Und weil eareyeam so penetrant Reykjavikurdaetur featured – die Ladies waren im Blog schon mit ihren Tracks Reppa Heiminn, Fanbois und Hæpið vertreten -, steht auch diesem außergewöhnlichen Kollektiv eine internationale Karriere bevor, obwohl oder gerade weil die Töchter in ihrer Muttersprache rhymen. Die ja – man kann es nicht oft genug wiederholen – ein wunderbares Rap-Idiom ist. Klar, aufgrund mangelnder Isländisch-Kenntnisse bleibt einem der Inhalt der Lyrics von Ekkert drama verschlossen. Soviel gibt das Netz aber preis: Es geht Svala und den Reykjavikdaetur-Elfen, die wahrscheinlich dasselbe Tattoo-Studio frequentieren und dort auf die Idee einer gemeinsamen Produktion gekommen sind, darum, ohne großes Drama Party machen zu können. Die Ansage richtet sich wohl an potenziell zickige Typen; Männer, die keinen Stress verursachen, durften dafür im dazugehörigen Video mittanzen. Ekkert drama kam schon Ende Juli auf den Markt, da wurde der Clip gerade erst gedreht, am Rande des LungA Festivals, auf dem neben Reykjavikurdaetur und Svala auch die US-Musikerin Princess Nokia einen Gig absolvierte. Mal wieder war es Kolfinna Nikulásdóttir, die die Regie führte, diesmal zusammen mit Sigurður Möller Sívertsen. Für eine großartige Inszenierung war keine Zeit. Die beiden platzierten Reykjavikurdaetur und Svala einfach in eine Cafeteria, vor Hostel-Betten und eben auf das Vorgelände des Festivals in Seyðisfjörður im äußersten Westen Islands. Die Kamera befand sich in den Händen von Möller Sívertsen, denn Kolfinna musste schließlich mitperformen, hat sie doch einen Rap-Part bei Ekkert drama. Sie ist die mit den Riesen-Ohrringen. Ebenfalls im Video zu sehen: Ragga Holm, die inzwischen von der Gast-MC zum festen Crew-Mitglied avanciert ist und den Track eröffnet. Im Moment machen bei Reykjavikurdaetur zehn bis elf Frauen mit, aber die Zusammensetzung des Personals kann sich jeder Zeit ändern. Hauptmotiv ist es, die Feminisierung des isländischen Rap zu institutionalisieren. Und in ein paar Jahren werden in der Hauptstadt die Mütter ihre Töchter wohl ganz selbstverständlich fragen: Machst Du eine Ausbildung oder gehst Du erst zu Reykjavikurdaetur?

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