Video of the Week 3/18


Wer brav die erste monogeographische eareyeam-Ausgabe aus dem Jahr 2016 studiert hat, der weiß ja, dass es in Japan eine Menge All-Female-Bands gibt, die ziemlich abgefahrene Musik fabrizieren und diese mit einer expressiven, oftmals comichaften Geste auf die Welt loslassen. Im Nippon-Issue wurden als Beispiele Trippple Nippples, die Veteraninnen von Shonen Knife und TsuShiMaMiRe vorgestellt. Afrirampo hätte in diese Reihe selbstverständlich hervorragend reingepasst, aber 2016 war das Duo aus Osaka gerade erst dabei, sich nach einer rund sechsjährigen Schaffenspause wieder zusammenzuraufen. Weshalb Afrirampo sich damals darauf beschränkte, Liveauftritte mit Songs aus seinem Backkatalog zu absolvieren, der immerhin neun Studioalben, eine Kassette und eine Live-CD/DVD umfasst, entstanden im Zeitraum zwischen 2002 und 2010 und erschienen bei so unterschiedlichen Labels wie Tzadik in New York oder P-Vine Records in Tokyo. Dieses Wochenende veröffentlicht Afrirampo nun endlich eine neue Platte, die den Titel Afriverse tragen wird. Um für die Scheibe zu werben, haben die Schlagzeugerin Oni Beppin und die Gitarristin Pikachu Yasashii vorab das Video zu dem auf Afriverse enthaltenen Stück ポツポツ auf Youtube gepostet. Ausgesprochen lauten die Schriftzeichen Potsupotsu, was gemäß diverser Übersetzungsportale im Netz in etwa „in Tropfen“ bedeutet. Kommt hin – performen die beiden Musikerinnen für den Clip mit ihren Instrumenten doch vor einem Wasserfall und am Meeresufer. Ein durchgängiges Motiv von ポツポツ ist schließlich auch, dass Oni und Pikachu den Songtitel so oft wiederholen, dass dies an das stetige Aufprallen von Wassertropfen auf eine Oberfläche gemahnt, bis ihre Stimmen scheinbar einen Prasselregen imitieren. ポツポツ bietet alles, was den Sound von Afrirampo  ausmacht, seit die beiden Frauen – seinerzeit im zarten Alter von 18 und 19 Jahren – beschlossen hatten, miteinander in den Proberaum und danach auch auf die Bühne zu gehen. Zwischen ruhige, leicht psychedelische Passagen mit halligem, melodiösem Gesang wird mal kurz eine richtig krachige Feedback-Gitarrenwand gezogen. Und das Ganze akzuentiert Afrirampo mit für den japanischen Bubblegum-Pop typischen, albern-exzentrischen Effekten. Gleich zu Beginn ihrer Karriere konnten Oni und Pikachu die Aufmerksamkeit von Thurston Moore und Co. auf sich ziehen, was zur Folge hatte, dass Afrirampo Sonic Youth auf einer ihrer Europatourneen als Vorband begleitete. 2004 hielten Oni und Pikachu sich eine längere Zeit in der Baka-Region in Kamerun auf, wo sie ihr Album Baka Ga Kita aufnahmen, das zumeist aus Acapella-Gesang besteht, den die beiden Frauen zusammen mit Angehörigen der Baka-Community anstimmen. Seit dieser Reise verpassen sie ihren Songs recht oft auch eine perkussive Färbung. Angesichts seines experimentellen Sounds ist es kein Wunder, dass Afrirampo schließlich auch in den Dunstkreis von Yoko Ono geriet, mit der das Duo mehrfach zusammenarbeitete und auftrat. Ein Gig von Afrirampo kann für Momente in eine Art Theaterstück umkippen, in dem Oni und Pikachu zum Beispiel in die Rolle von Tieren schlüpfen und gerne mal den Kontakt zum Publikum suchen. Auch im ポツポツ-Clip nehmen sie mit Gesichtsbemalung und Stoffschleifen im Haar reichlich dramatische Gesten ein. Haben Oni und Pikachu mit ihrem Tropfen-Track dem Regisseur des Videos, Yusuke Seiko, etwa die Vorlage zu einer Reflektion im Sinne der Zen-Ästhetik geliefert, wonach es nicht darum geht, oberflächliche Schönheit zu betrachten, sondern das Ziel sein muss, das „Wesen“ der Natur in ihrem Erleben ganzheitlich zu begreifen? Im speziellen Fall das Fließen von Wasser, der Wechsel der Gezeiten? Afrirampo hat durchaus einen Hang zum Naturreligiösen – wenn auch vermutlich mit einem Augenzwinkern. 2010, anlässlich der vorläufigen Auflösung, verlauteten Oni und Pikachu auf ihrer Homepage: „If our mother of monster say ‚PLAY!PLAY!together!!‘, then we will play.“ Die Monstermutter muss also gerufen haben. Und Seiko hat daraufhin einfach nur festgehalten, wie Afrirampo ihrer Aufforderung nachkommt? Tja, das Motiv des Songs und des Videos bleiben am Ende im Dunkeln, weil im Netz leider keine Übersetzung der Lyrics zu finden ist. Dessen ungeachtet lässt sich eareyeam gerne von Afrirampos Jux und Dollerei blenden. Mögen Oni und Pikachu mit ihrem neuen Album im Gepäck bitte demnächst auch mal den Weg in einen Konzertsaal in Deutschland oder der Schweiz finden.

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