Video of the Week 5/18


„You’re not listening. I said it with my chest, and I don’t care who I offend“, lässt Little Simz einen Frauenchor als Fazit der Lyrics ihres jüngsten Tracks Offence singen. Der Chor jeweils in der Mitte und am Ende des Stücks ist zugleich Stolperstein wie auch Klimax in einem Selbstbehauptungsvortrag, der sich an ein namenloses Gegenüber richtet, von dem jedoch angenommen werden kann, dass es sich bei ihm um jeden beliebigen männlichen Dummschwätzer im Umfeld der 24-jährigen Simbiatu „Simbi“ Abisola Abiola Ajikawo aus dem Nordlondoner Bezirk Islington handelt. Little Simz bewegt sich in der derzeit florierenden Grime-Szene der britischen Hauptstadt, die auch noch im ungefähr fünfzehnten Jahr ihrer Existenz eine zu starke Schlagseite in Richtung Testosteron hat. Neben der Riege der vielen Männer, von Wiley bis Octavian, die sich als Grime-MCs einen Namen machen konnten, bleibt die Zahl bekannter Rapperinnen überschaubar: Shystie, Lady Leshurr, Ms Banks, Nadia Rose und eben Little Simz. Diese Frauen verschaffen sich Gehör in einem Genre, in dem aus dem Mund so mancher Kollegen misogynistische Zeilen nur so rauspurzeln und Geschlechtsgenosinnen des öfteren auf die Rolle der knapp bekleideten Arschwacklerin in standardisierten Videos reduziert werden. Kein Wunder, dass weibliche MCs selbst aus vollen Rohren schießen müssen, um dem männlichen Dominanzgebaren eins vor den Latz zu knallen. In Offence lässt Little Simz das Aufplustern und das Gedisse ins Leere laufen – „You can talk bad all day long I will never be impressed / Dunno what I did to make you feel that you be earnin’ my respect“ –, um sich dann selbst als die allergrößte Dichterin anzupreisen: als „Picasso with the pen“ oder „Jay-Z on a bad day, Shakespeare on my worst days“. Dabei muss Little Simz eigentlich niemandem mehr etwas beweisen. Dass sie eine talentierte Rapperin ist, stand schon nach der Veröffentlichung ihres ersten Mixtapes Stratosphere im Jahr 2010 fest, da war sie gerade mal 16 Jahre jung und wurde allein wegen ihres superschnellen Flows vom Publikum bejubelt. 2015 veröffentlichte sie ihr Debütalbum A Curious Tale of Trials & Persons, welches bekräftigte, dass Little Simz weniger im Bling-Bling-Pool des UK Hip Hop mitschwimmen mochte als vielmehr der Hörerschaft ein hartes Ringen mit der eigenen Person zu düsteren, strengen Sounds zuzumuten gedachte. Bevor die Prophetin im eigenen Laden die angemessene Wertschätzung erfuhr, hatte Little Simz längst den verbalen Support von US-Größen wie Kendrick Lamar, A$AP Rocky und J. Cole erfahren. Weshalb ihr zweites Album Stillness in Wonderland (2016) auch musikalisch stärker in Richtung Transatlantik blinkte, mit zurückgelehnteren und melodischeren, teilweise psychedelischen Arrangements, gleichwohl es inhaltliche Anleihen beim very englischen Alice in Wonderland nahm. Little Simz‘ weiterhin ernste Lyrics schrammten dabei aber laut der Rezension des Indiemusik-Portals Pitchfork meilenweit am satirischen Kern der Geschichte von Lewis Carroll vorbei, was aber zum Beispiel der Qualität des auf der Platte enthaltenen Titels Perfect Picture keinen Abbruch tut. Während der Aufnahmen von Stillness in Wonderland kamen neben der ganzen Elektronik auch altgediente Instrumente zum Einsatz, unter anderem dank der Mitwirkung der kanadischen Experimental-Jazz-Truppe BadBadNotGood; eine Entwicklung, die sich nun bei der aktuellen Single Offence fortsetzt, die ja nur die Vorbotin für ein neues, drittes Studioalbum von Little Simz sein kann. Offence wird durch einen einfachen, brummeligen Gitarrenriff und einen minimalistisch-crispen Schlagzeug-Breakbeat in den Vintage-Bereich geleitet, wo eine Jethro-Tull-Querflöte lustig umherflattert, bevor ein Piano und Streicher die Showtreppe für den besagten Frauenchor ausfahren. In einer Welt, die sich derzeit, nach Little Simz‘ eigenen Worten in einem Interview mit der Apple-Radiostation Beats 1, „in einem Zustand befindet, der ein Schweigen nicht zulässt, der es dringlich macht, ehrlich über die eigenen Gefühle zu sprechen“, evoziert der Sound von Offence erstaunlicherweise eine Art Old-School-Aufbruchstimmung, wie sie, trotz der urbanen Roughness drumherum, in der Hip-Hop-Szene New Yorks am Ende der 70er Jahre geherrscht haben mag. Das wird noch verstärkt durch das am Mittwoch auf Youtube gepostete Video, das Charlie Di Placido und J Lloyd zu dem Track beigesteuert haben und in dem Little Simz vor einer Festung von Lautsprecherboxen im Halbdunkel einer Art Hinterhof-Location performt, während eine Gruppe von Tänzerinnen eine Breakdance-Battle andeutet. Interessanterweise wird der Clip durch zwei Garderobenwechsel strukturiert: Little Simz betritt im Rude-Gyal-Outfit das Setting, greift dann zum Anzug und trägt schließlich Abendgarderobe. Will wohl heißen: Ich ecke bei jeder Gelegenheit an. Im übrigen war schon das zuvor veröffentlichte Official-Lyrics-Video zu Offence ein Hingucker. Und ein bisschen untergegangen ist, dass es ja im Paket mit dem Official-Lyrics-Clip zu einem weiteren freshen Little-Simz-Tune ans Licht kam. Boss ist mit seinem schleppenden Beat und wütenden Megaphon-Response die ebenbürtige Ergänzung zu Offence. Im August vergangenen Jahres demonstrierte Little Simz auf dem Popkultur-Festival in Berlin ihre außerordentliche Bühnenpräsenz. Diesen Herbst bestreitet sie mit Damon Albarns virtueller Band Gorillaz einige Konzerte in Nordamerika. Für Gorillaz hatte Little Simz nämlich den Rap-Part des auf dem 2017er Album Humanz enthaltenen Track Garage Palace übernommen. Gorillaz und Little Simz? Das passt doch gut zusammen – nicht zuletzt weil Simbiatu „Simbi“ Abisola Abiola Ajikawo sich selbst auch gerne Bars Simzson nennt.

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