Video of the Week 7/18


Ja, es ist nicht so einfach mit den Pop- oder Rocksongs, die das Weihnachtsfest zum Thema haben. Jenseits der mediokren Helene-Fischer-Asepsis lässt sich in der Regel ernsthaft nur zwischen kitschiger, aber immerhin perfekt gemachter Überhöhung im Soul, Funk und Hip-Hop oder einer eher nörgeligen Independent-Verweigerung entscheiden. In den vergangenen Jahren neigte sich eareyeam häufiger auf die Seite des Letzeren. In der Adventsausgabe 2017 zum Beispiel tanzte im Video zu dem düsteren, schleppenden Track (Merry X-mas) Face The Future von Beak ein Weihnachtselfenquartett mit den Gesichtern von Wladimir Putin, Donald Trump, Kim Jong-un und Theresa May. Und es brannten Christbäume. Eine Tanne in Flammen gibt es auch in dem Clip zum Stück Mr. Santa Man von der Band Tango Lima, der sich im Adventskalender 2014 befand, zu sehen. Mr. Santa Man besticht durch eskalierende Gitarrenriffs, die den im Video gezeigten Bescherungswahn einen zusätzlichen Drive verleihen. Ums weihnachtliche Beschenken geht es hauptsächlich auch in dem Clip für das Lied Christmas One and Only, das das Duo Gurr zusammen mit dem Art-Brut-Frontmann Eddie Argos eingespielt hat. Eddie und die Gurr-Frauen höchstpersönlich inszenieren hier ein für die urbanen Mittelklasseszenen doch recht typisches Gebaren: Weil die Bestimmtheit fehlt, mit Traditionen zu brechen, werden diese halt ironisiert. Man schenkt sich noch etwas, aber immerhin Schrott. Obwohl: Das Brexit-Kochbuch und der Fensterwischer sind so unpraktische Gaben nicht. Nur fehlt ihnen halt die Aura des guten Geschmacks (beim Kochbuch im wahrsten Sinne des Wortes). an Weihnachtsschmuck darf es auch nicht mangeln, aber der ist selbstverständlich aus den Nanu-Nana-Läden dieser Welt zusammengeklaubt worden. Und was das Essbare ist, was da auf dem Tisch flambiert wird, möchte man nicht so genau wissen. Das dokumentierte Christmas-Ritual ist so D.I.Y. wie die Machart des Videos, das die Ladies von Gurr selbst gedreht haben und das von Guido Giorgi geschnitten wurde. Gurr ist übrigens ein echtes Berliner Gewächs. Gesät haben es die Gitarristin Andreya Casablanca und die Schlagzeugerin Laura Lee, deren bürgerliche Namen wahrscheinlich Müller und Meier lauten, die aber während ihres Nordamerikanistik-Studiums am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin ihre innere Freiheitsstatue entdeckt hatten – also, dass sie gemeinsam gute Musik miteinander machen können, zeitweise auch begleitet von der Bassistin Jill März. Im April 2015 veröffentlichten sie ihre erste EP Furry Dream, im Oktober 2016 kam die Debüt-LP In My Head auf Duchesse Box Records heraus. Lees und Casablancas sehr perfekt aufeinander abgestimmter Gesang zu gut abgehangenen Vintage-Garage-Kompositionen (Hot Summer ist ein gutes Beispiel) ließ auch die Ohren in der angelsächsischen Hemisphäre aufhorchen. So ergatterte Gurr eine Livesession beim BBC-Radio1-Host Huw Stephens. Erstaunlich ist aber vor allem, dass das Duo schon des öfteren von der Chemnitzer Band Kraftclub ins Vorprogramm genommen worden ist. In einer der unzähligen Neuköllner Kneipen, in denen amerikanische und britische Hipster ihr Heimweh mit Craft Beer bekämpfen, müssen Lee und Casablanca dann wohl in diesem Jahr Eddie Argos über den Weg gelaufen sein, der schon 2011 in weiser Vorausahnung des Brexit-Schlamassels von der Insel nach Berlin übergesiedelt war. Neben der gelegentlichen Wiederbelebung seiner Band Art Brut, arbeitet Argos als Maler und Comic-Autor, was ihn so flexibel sein lässt, dass er schnell zustimmte, als die Gurr-Frauen ihn fragten, ob er denn den Weihnachtsmann bei der Produktion ihrer jüngsten EP Christmas Business spielen wolle. Und da singen sie nun zu dritt – und klingen ziemlich nach The B-52`s im Krippenspiel. Bei Christmas Holiday, dem zweiten, recht nervösen und energetischen Stück auf der EP drängt sich der Vergleich mit der US-Combo um Kate Pierson und Fred Schneider noch viel stärker auf. In Christmas One and Only rasseln die obligatorischen Rentierschlittenschellen dagegen zu einem gemächlicheren und melancholisch gefärbteren Arrangement, das gelegentlich durch einen auf Kinderliedmelodie gebürsteten Solo-Gitarrenriff akzentuiert wird. Argos kommentiert darüber eben die allzu vertrauten festiven Rituale der Affirmation und Abgrenzung und schafft es dabei sogar folgende, wichtige Feststellung zu treffen: „Die Hard is a christmas film and so is Die Hard 2 / I wanna drink some Gluhwein and watch them both with you“. In diesem Sinne wünscht eareyem ein besinnliches und ruhiges Weihnachtsfest.

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