Lieblingsalben 2018

Nennungen

Hoho, da hat jemand beschlossen, an die Traditionslinie von Elvis, Roy Orbinson und Chris Isaak anzudocken. Es handelt sich um den 1990 geborenen Neuseeländer Marlon Willams, der im vergangenen Jahr sein zweites Soloalbum Make Way For Love auf den Markt gebracht hat.
Die Arbeit des US-Produzenten Noah Georgeson an zwei Platten der walisischen Musikerin Cate Le Bon hatte den jungen Barden aus Christchurch mit Maori-Wurzeln so begeistert, dass er sich flugs in den Flieger nach Kalifornien setzte, um dort mit Georgeson ins Studio zu gehen. Zur Zeit lebt Marlon Williams im australischen Melbourne, wohin er nach dem Erdbeben des Jahres 2012, das auch eine Art Todesstoß für die lokale Musikszene von Christchurch war, ausgewandert war. Auf Make Way For Love singt er von einer tatsächlich erlebten Trennung. Und das Krasse ist: Die Ex macht auf einem Stück sogar mit. Aldous Harding, ebenfalls aus Neuseeland, ist in dem Song Nobody Gets What They Want Anymore zu hören. Ansonsten schreibt sie ähnlich elegische Songs wie Marlon Williams. Gegenüber Deutschlandradio Kultur erklärte dieser: „Wir sangen es getrennt, sie war in Wales und nahm ihren Part einen Monat nach mir auf. Die Distanz passt ja schmerzlich gut zum Thema. Aber es war auch heilsam, ich bin dankbar, dass sie mitgemacht und damit sozusagen auch meine Sicht der Dinge akzeptiert hat. Ich musste sie schon ein bisschen überreden. Aber sie fand den Song gut, und damit kriegt man sie immer.“ Marlon Williams ist es zudem sehr überzeugend gelungen, die eigene Break-Up-Erfahrung in seine Performance fürs Video zu dem Song Beautiful Dress zu übersetzen. In dem Clip bewegt er sich in einem Haus, das offensichtlich zuvor nicht von ihm allein bewohnt war. Er versucht, neue Rituale und Strukturen zu schaffen, hängt aber zugleich den Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit der einstigen Partnerin nach, befindet sich also in einem Zwischenraum. Der untenstehende Clip zu What’s Chasing You demonstriert dagegen, dass Williams sich in seiner Rolle als Rock’n-Roll-Crooner auch mal gerne zum Horst macht, gerade wenn er in einem fast schon klagenden Ton fragt, welcher Teufel die Verflossene eigentlich gerade reitet.

Wow, Farai schlägt voll ein. Das Duo aus London produziert Punk mit den Mitteln von Grime und R’n’B, wie sein Debütalbum Rebirth beweist. Und die in Zimbabwe geborene Sängerin Farai Bukowski-Bouquet kennt in ihrer Wut keine Gnade gegenüber der britischen Königin und erst recht nicht gegenüber der schon zurückgetretenen, aber noch amtierenden Premierministerin, die in dem emblematischen Track This Is England für die Effekte der harten Jahre der Austerität persönlich zur Rechenschaft gezogen wird: „Theresa May, wissen Sie wie es ist, wenn man die Tage und Stunden runterzählt, bis endlich der Scheck kommt? Das ist England! Wo wird das enden? Wer hat Schuld an all dem Scheiss?“ Weniger minimalistisch und eher in Richtung Big Beat geht das Stück National Gangsters, in dem Farai Bukowski-Bouquet deklamatorisch eine räumliche wie ideelle Nähe zwischen Kunstszene und der kriminellen Finanzwelt suggeriert. Rebirth ist im vergangenen Jahr auf dem Label Big Dada erschienen, bei dem auch Kate Tempest und Young Fathers beheimatet sind. Es scheint, dass sich dort gerade all diejenigen sammeln, die der in den Brexit-Abgrund taumelnden britischen Gesellschaft den musikalischen Spiegel vorhalten, auf das diese im Angesicht ihrer eigenen Bigotterie, Besinnungslosigkeit und Dumpfheit erschrecken und sich entgiften möge. Farai agiert dabei besonders erbarmungslos und vielleicht auch ein wenig zu plakativ, das Duo ist dennoch die Entdeckung des vergangenen Jahres.

Auch noch: Janelle Monáe: Dirty Computer / Fantastic Negrito: Please don’t be dead / Zeal & Ardor: Stranger Fruit / Messa: Feast for Water / Yob: Our Raw Heart / Kamasi Washington: Heaven and Earth / Nadah El Shazly: Ahwar / Suzanne Menzel: Goodbyes And Beginnings / Johann Johannsson: Mandy O.S.T. / Yasuaki Shimizu: Kakashi / Johnny Cash: American Recordings / Wild Ones: Mirror Touch / Little Dragon: Love Chanting EP/ Young Fathers: Cocoa Sugar / Helena Hauff: Qualm / Jens Friebe: Fuck Penetration / Samavayo: Vatan / Parcels: Hideout / Bilderbuch: Mea Culpa / Ätna: Ätna / Tocotronic: Unendlichkeit

Platz 2

Irgendwie lag es vergangenes Jahr in der Luft, dass schon etablierte Musikerinnen sich mit ihrem neuen Album noch mal verstärkt als queere Persönlichkeit positionierten. Héloïse Adelaide Letissier, besser bekannt unter dem Projektnamen Christine and the Queens tat dies mit ihrer zweiten Platte Chris ebenso wie die Britin Anna Calvi mit ihrer dritten LP Hunter, die bei Domino Records erschienen ist. Letztere hat es nun dank zweier Poll-TeilnehmerInnen auf Platz zwei der Kategorie Lieblingsalbum geschafft. Don’t Beat the Girl out of My Boy, eine Singleauskopplung aus Hunter, rotierte besonders heftig im Tagesprogramm des Berliner Senders Radio Eins und grub sich tief in die Gehörgänge der städtischen KreativschichtlerInnen ein. Es ist ja auch herzerwärmend, mit welcher Inbrunst sich Anna Calvi gegenüber anonymen AdressatInnen dafür stark macht, dass ihr Boyfriend nicht seiner weiblichen Züge beraubt werden darf. Eindeutig ein Plädoyer gegen das, was jetzt allerorten als toxische Männlichkeit im Genderdiskurs verhandelt wird. Umgekehrt beharrt Calvi in den Lyrics anderer Titel des Albums auf ihr Recht, männlich konnotierte Eigenschaften selbstbewusst auszuleben. Ihre frühere Zurückhaltung ist einer neuen Entschlossenheit und Expressivität gewichen, die die Musikerin auch auf der Bühne demonstriert, auf der sie klarstellt, dass sie zu den besten RockgitarristInnen der Gegenwart gehört und zwar geschlechterübergreifend.

Den zweiten Platz muss Anna Calvi sich hier allerdings mit Chet Faker teilen. Nachdem der schon in der Kategorie Lieblingsvideos auf dem Siegertreppchen landen konnte, ist er überraschenderweise der/die erfolgreichste/r MusikerIn des gesamten eareyeam-LeserInnen-Polls 2018. Und das mit Soundmaterial aus dem Jahr 2014, das den zwei LeserInnen, die Fakers Built on Glass zu einer ihrer Favoritenplatten erkoren haben, wohl erst im vergangenen Jahr an die Lauscher schwappte. Faker, der eigentlich Nick Murphy heißt, versteht seinen Künstlernamen explizit als Hommage an den legendären Jazzsänger und -trompeter Chet Baker. Er hat in der ersten Hälfte seines Debütalbums einen leichtgängigen Mix aus R’n’B, Soul und Indie zusammengerührt, davon zeugt der hier präsentierte Track Talk Is Cheap, für den der Musiker seine Stimme auf mehrere Spuren aufgenommen hat, um diese dann zu einer süßsauren Wehklage zu bündeln. Die zweite Hälfte kommt dagegen leicht experimenteller und elektronischer daher. Für einen Titel lieh Faker sich übrigens die Vocals von Kilo Kish aus; einer New Yorker Sängerin, die mit ihrem Song Hello Lakisha der Opener der eareyeam-Ausgabe 1/16 war. Ach ja, und inzwischen hat Nick Murphy sein Alias Chet Faker in die Altkleidersammlung gegeben: Dieses Jahr veröffentlichte er ein neues Album namens Run Fast Sleep Naked unter dem Namen, der in seinem Pass steht. Das Onlineportal Kulturnews konnte sich für das Werk allerdings garnicht begeistern. Es wirft Murphy vor, auf jegliche Störer und Fallstricke in seinen Songs verzichtet zu haben. Das harsche Fazit lautet: „Musik für Travel-Blogs, mit eingebautem Sehnsuchtsfilter.“

Platz 1

Es wäre ziemlich seltsam gewesen, hätte es Broken Politics, die neue Platte von Neneh Cherry, nicht geschafft, eines der Lieblingsalben 2018 der eareyeam-LeserInnenschaft zu werden. Die Frau ist ja von eareyeam schon mit ihren beiden sogenannten Comeback-Scheiben The Cherry Thing (2012) und Blank Project (2014) kräftig gefeatured worden. Jetzt lässt sich von Cherry sagen, dass sie längst wieder in der Mitte des Musikbiz steht, die Produktion von Broken Politics war zeitintensiver, aufwändiger und ausgefeilter als die der Vorgängeralben. Doch es gibt auch Parallelen insbesondere zur Arbeit an Blank Project: Erneut ließ Neneh Cherry Kieran Hebden aka Four Tet das Mischpult bedienen, und ein weiteres Mal reiste ihre Crew für die Aufnahmen nach Woodstock im US-Staat New York, ins Studio des Jazzpianisten und -komponisten Karl Berger, der einst mit Nenehs Stiefvater Don Cherry zusammenarbeitete. Während Cherry in den Lyrics für Blank Project persönliche Erfahrungen verarbeitete, wendet sie sich nun den Problemen der Welt zu: zum Beispiel den Fluchtbewegungen, dem Kampf um das Recht der Frauen, über ihren Körper selbst zu verfügen oder die Weigerung der US-Politik, den Schusswaffenbesitz einzuschränken. Soundtechnisch bezeugt ein Stück wie Shotgun Shack, dass Cherrys Ausgangspunkt weiter Trip-Hop bleibt, als dessen Geburtsort immer wieder Bristol angegeben wird, obwohl doch inzwischen bekannt sein sollte, dass er letztlich im Hause Cherry/McVey das Licht der Welt erblickte, da Neneh und ihr Mann Cameron Geburtshelferinnen spielen mussten, damit Massive Attacks genrebildendes Album Blue Lines überhaupt in die Tonspuren kam, wie Massive-Attack-Mitglied Daddy G. selbst einmal zugab. Der Track Natural Skin Deep wiederum demonstriert, dass Cherry und Kieran Hebden auch dazu bereit waren, Abwege zu beschreiten – mit Steel Drums und Rave-Sirenen, denen kurz ein Jazz-Saxofon Paroli bietet.

Everybody Wants To Be Famous – so heißt der wohl bekannteste Track vom Debütalbum der achtköpfigen Band Superorganism, das im März 2018 auf Domino Records (ein Label, das offensichtlich gerade einen guten Lauf hat) veröffentlicht wurde, knapp ein Jahr nach Gründung der Gruppe. Darf man aber so leicht von sich auf andere schließen? Die Superorganism-MItglieder lebten zuvor verstreut über die angelsächsische Hemisphäre und lernten sich in Musikforen und über Freunde kennen, machten selbstverständlich eine What’s-App-Gruppe auf und tauchten so gemeinsam in den Songwriting-Prozess ein. Jetzt wohnen sie doch alle zusammen – wie typisch – in einem Londoner Terrace House, und es lässt sich so richtig gut imaginieren, wie dort morgens am Küchentisch die Frühstücksflocken gemampft werden, bevor man sich dann im Wohnzimmer an den Synthies und Laptops gegenseitig die schrottigsten Klingeltöne der neunziger Jahre vorspielt und diskutiert, ob und wie sie in das Superorganismus-Universum eingebaut werden können, zusammen mit den Geräuschen, die sich aus dem sonstigen Gebrauchsinventar dieses Hipster-Haushalts so herauspressen lassen. Wie Superorganism seine Musik live umsetzt, könnt Ihr dem Video ihres Tiny Desk Concerts entnehmen: Die Performance evoziert zugleich ein Gefühl der Rührung wie auch den Verdacht des Strebertums. Im übrigen sticht bei Superorganism die Hauptvokalistin nicht nur durch ihre Tanita-Tikaram-Stimme hervor, sondern auch durch ihren Habitus – eine Mischung aus abgeklärtes Unbeteiligtsein und Anlehnungsbedürftigkeit.

Alle lieben DJ Koze. Deswegen hat Stefan Kozalla es mit seiner dritten Studio-LP unter diesem Alias ja auch an die Spitze der Kategorie eareyeam-LeserInnen-Lieblingsalben geschafft. Obwohl die Platte Knock Knock heißt, musste DJ Koze gar nicht mehr groß anklopfen, um auf dem internationalen Markt zu reüssieren. Schon lange schätzt man auch jenseits der bundesrepublikanischen Grenzen die zwischen schrägem Humor und Schamanismus mit Augenzwinkern changierenden Soundbasteleien des Ex-Fischmobsters. Auf dem Musikportal Pitchfork bekam das jüngste Werk des Wahl-Hamburgers gar eine euphorische Rezension, der Kritiker feierte die zurückgelehnte und emphatische Umgangsweise, mit der DJ Koze French Filter House und Minimal Techno mit 70-Jahre-Soul und Dream Pop verschneidet. Zudem fanden sich illustre GastsängerInnen zur Produktion von Knock Knock ein, für die DJ Koze Tracks schneiderte, welche sie dort abholen, wo sie mit ihrer eigenen Arbeit stehen, um sie dann auf fast magisch-organische Weise in den sonderbaren Kosmos des Stefan Kozmalla einzugemeinden: dazu gehören Ex-Moloko-Mitglied Róisin Murphy, José González, der Lambchop-Mastermind Kurt Wagner und Speech von Arrested Development. Logisch, dass hier nun gleich das Video zur Single Pick Up kommt, die im Grunde genommen suggeriert, dass der legendäre Stardust-Track Music Sounds Better With You aus dem Jahre 1998 erst kürzlich ein Sommerhit gewesen sei. Manchen passt der Retro-Habitus von Knock Knock dementsprechend überhaupt nicht. Das Onlineportal Skug spricht von Techno-Taylorismus und findet, DJ Kozes Album komme schlichtweg 20 Jahre zu spät.

Hier geht  es zu den Lieblingskonzertacts 2018

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