Lieblingsbücher 2018

Nennungen

Das Ehepaar Ute und Werner Mahler, das die legendäre Fotoagentur Ostkreuz mitbegründet hat, ist drei Jahre lang durch die deutsche Provinz gereist, um sich ein Bild vom Leben in stinknormalen und oftmals auch randständigen Kommunen zu machen.
Sie fuhren also nicht in die prosperierenden Urlaubsregionen wie den Allgäu oder den Schwarzwald, sondern in die Oberpfalz oder in die küstenfernen Gegenden Schleswig-Holsteins. In einem Interview mit Spiegel Online erzählen die Mahlers, wie überrascht sie waren, dass es im Saarland noch deprimierender aussieht als in Ostdeutschland, wo immerhin Ortskernsanierungen über wirtschaftliche Stagnation hinwegzutäuschen vermögen. Herausgekommen ist das Buch Kleinstadt, das nicht so sehr das Klischee parochialer Spießigkeit bemüht, als vielmehr die Traurigkeit der Leere aufgrund der Schrumpfung dieser Orte und das gleichzeitige Bemühen um Sozialität, vor allem unter Jugendlichen, festhält. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der beiden Mahlers zeigen sowohl die teils absurde Züge annehmenden Resultate des in den Unterzentren herrschenden architektonischen Gestaltungswillens als auch Porträts von Teenagern, in deren Haltung vor der Kamera eine Mischung aus Langeweile, Sehnsucht und Selbstbehauptung eingeschrieben ist. Das Vimeo-Video, in dem die Seiten des Buches für den Zuschauer zur kurzen Ansicht umgeblättert werden, lässt sich nicht in die Lieblingsbuchkategorie einbetten, deshalb hier nun bitte auf diesen Link klicken. Und untenstehend gibt’s stattdessen ein leider nur kleinformatig zeigbares Bild aus der Kleinstadt-Serie. Zu sehen ist der wohl wichtigste Ort für die Jugendlichen aller Kleinstädte dieser Welt: das Bushaltestellen-Wartehäuschen, hier in seiner Gewächshausvariante.

Auch noch: Andreas Oetker-Kast: Tamar, Where Are You? / Ta Nehishi Coates: We were eight years in power. Eine amerikanische Tragödie / Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers / Wolf Georg Zaddach: Heavy Metal in der DDR / Martin Seeliger & Marc Dietrich: Deutscher Gangsta Rap II / Eckhart Nickel: Hysteria / Marion Poschmann: Die Kieferninseln / Daniel Schreiber: Zuhause / Cixin Liu: Der dunkle Wald / Georg Klein: Miakro / Johann Brandstetter & Josef H. Reichholf: Symbiosen / Dieter Klante & Ernst Röttger: Das Spiel mit den bildnerischen Mitteln – Punkt und Linie / Peter Mrhar: Cyanotype / Michael Michalakis: Stuhl frei / Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin / Donna Tart: Distelfink / Fernando Aramburo: Patria / Werner Herzog: Vom Gehen im Eis / Waguih Ghali: Snooker in Kairo / Marshall McLuhan & Quentin Fiore: Das Medium ist die Massage / Isabel Bogdan: Der Pfau / Serhij Zhadan: Internat / Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen / Donald Ray Pollok: Die himmlische Tafel / Volker Kutscher: Märzgefallene / Volker Kutscher: Moabit / Heike Faller: Hundert. Was Du im Leben lernen wirst / Max Czollek: Desintegriert euch! / Fred Fordham: Wer die Nachtigall stört… / Harper Lee (Graphic Novel) / Susan Arndt/Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht / Bruno Latour: Das Terristrische Manifest

Platz Eins

Lucy Fricke ist keine Unbekannte in der Kategorie Lieblingsbücher. Dank einer eareyeam-Leserin fand ihr Roman Takeshis Haut Eingang in den LeserInnen-Poll 2014 und wurde darin auch ausführlicher kommentiert. Das Nachfolgewerk Töchter wurde nun sogar von zwei Poll-TeilnehmerInnen gelistet, weshalb es auf Platz eins vorgerückt ist. Fricke erzählt darin von zwei miteinander befreundeten Frauen um die 40, die den Vater der einen zum selbstbestimmten Sterben in die Schweiz chauffieren. Die Umstände ihrer Reise führen allerdings dazu, dass es Martha und Betty über die Alpen nach Italien und schließlich nach Griechenland verschlägt. Dass das kein Buch exklusiv für eine Brigitte-Rezension ist, wie die kurze Synopse suggerieren könnte, liegt an Frickes erzählerischer Meisterschaft. Mit viel Ironie, Komik und bitterem Spott schreibt sie über ernste Dinge wie verpasste Chancen, erlittene Schlappen, den Umgang mit Depressionen und den endgültigen Verlust eines geliebten Menschen. Im Kern geht es aber darum, welche Leerstelle im Leben es hinterlässt, ohne Vater aufgewachsen zu sein. Bei Youtube oder Vimeo sind keinerlei Videos zu finden, die zeigen, wie Fricke in irgendeiner Buchhandlung oder Stadthalle vor Publikum aus ihrem Buch Töchter liest, deshalb hier eine sehr knappe Kaufempfehlung von Annerose Beurich, Inhaberin der Buchhandlung Stories! in Hamburg-Eppendorf, deren Youtube-Kanal insbesondere den kleinen Fischen der eigenen Zunft vormacht, wie auch sie die Videoplattform als Werbetool nutzen können.

Die deutsche Übersetzung des ersten Bands von Das Leben des Vernon Subutex kam schon im September des vorvergangenen Jahres heraus. Doch hatten die TeilnehmerInnen des LeserInnen-Polls 2017 dieses Buch nicht gelistet. Es brauchte wohl eine Weile, bis das Werk der französischen Autorin Virginie Despentes auch rechts des Rheins auf Interesse und Begeisterung stieß, während es in der Grande Nation längst als das ultimative literarische Sittengemälde der blau-weiß-roten Gesellschaft der zehner Jahre des 21. Jahrhunderts gefeiert wurde. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ebenjener Vernon Subutex, der in Paris einst einen supercoolen Independent-Plattenladen namens Revolver betrieben hatte. Doch die digitale Revolution und die damit einhergehenden Umwälzungen im Musikbusiness haben Subutex dazu gezwungen, sein Geschäft aufzugeben. Seitdem hängt er in der Luft und die Geschichte fängt an dem Punkt an, an dem er schließlich auch noch aus seiner Wohnung fliegt. Auf dem Weg in die Obdachlosigkeit macht er Station bei verschiedenen Menschen, die alle zusammen das urbane kreative Milieu repräsentieren, dass gegenwärtig mit virtueller Realität, Prekarisierung, wiedererstarkendem Faschismus und deshalb auch mit dem Ende des goldenen Zeitalters der Independent-Unbeschwertheit konfrontiert wird. Zentral für die Story ist auch, dass Subutex quasi als letztes Hab und Gut ein Video besitzt, das einer seiner alten Freunde, der schwarze Sänger Bleach, aufgenommen hatte, bevor er angeblich Selbstmord verübte. Darin leistet Bleach eine Art Lebensbeichte, an deren Veröffentlichung so einige Personen interessiert sind. Wissend, dass Vernon Subutex Hüter dieses Schatzes ist, machen sie sich auf die Suche nach dem auf der Straße Gelandeten. Hier gibt’s ein Video, das Virginie Despentes bei der Vorstellung von Band 1 im März 2015 in Bordeaux in der Librairie Mollat zeigt. In der Folge tingelte sie noch durch viele Buchhandlungen Frankreichs und trat in sämtlichen Kultur- und Literatursendungen im Fernsehen auf – und selbstverständlich wollten alle ModeratorInnen wissen, warum sie sich ausgerechnet für einen Mann als Hauptprotagonisten ihres Epos entschieden hatte.

Logisch, dass an der Spitze dieser Kategorie auch Band 2 von Das Leben des Vernon Subutex zu finden ist. Die deutsche Übersetzung wurde im Januar 2018 veröffentlicht und jene LeserInnen, die sich vom Schicksal des Ex-Plattenhändlers haben fesseln lassen, konnten garnicht anders als gleich nach der Lektüre des ersten Bands zu dessen Fortsetzung überzugehen. So unterschiedlich die verschiedenen, schon teilweise aus der Trilogie-Eröffnung bekannten ProtagonistInnen auch ticken, von der Ex-Bassistin Emilie über den frustrierten Drehbuchschreiber Xavier, den Ex-Porno-Star Pamela Kant bis zu Sélim, den Universitätsdozenten, der sich mit einer streng religiösen Tochter herumschlagen muss: Sie alle sorgen sich um das Wohl von Subutex, der mittlerweile im Freien übernachten muss und sich einer illustren Gruppe von Obdachlosen angeschlossen hat, unter ihnen die sehr, sehr wilde Olga. Seine FreundInnen spüren ihn schließlich auf – manch eine/r auch mit der Absicht, endlich an das Video mit den Bekenntnissen des Musikers Alexandre Bleach heranzukommen – und päppeln den Dauerzugedröhnten wieder hoch. In der Folge wird Subutex aufgrund seiner magischen Discjockey-Kräfte zu einer Art Schamane für den Kreis seiner Kümmerer. Parallel dazu webt Virginie Despentes einen Nebenplot in die Geschichte ein, in der sich Sélims Tochter Aïcha mit Hilfe der Barfrau Céleste an dem Filmproduzenten Laurent Dopalet rächt, den sie für den Tod ihrer Mutter Vodka Santana, einer Ex-Freundin von Alexandre Bleach und Kollegin von Pamela Kant, verantwortlich macht. Diese Story erinnert stark an Baise-moi, den französischen Skandalstreifen des Jahres 2000, bei dem Despentes zusammen mit Coralie Trinh Thi Regie führte und auch für das dem Film zugrundeliegende Buch verantwortlich war. Untenstehend gibt’s einen Auschnitt aus dem Hörbuch der deutschen Übersetzung von Band 2, das der Schauspieler Johann von Bülow eingesprochen hat.

Aller guten Dinge sind drei. Der letzte Band von Das Leben des Vernon Subutex war schließlich ab September 2018 im Buchhandel erhältlich und ein vollumfängliches Binge-Reading der Subutex-Saga damit überhaupt erst möglich. In der Hauptsache erzählt Virginie Despentes hier von den Zusammenkünften der Gefolgschaft des Ex-Plattenhändlers und Zauber-DJs in der französischen Provinz, sogenannten Convergences, die man sich als eine Art Mini-Fusion-Festival vorstellen kann. Die Behauptung, die Despentes in dem Buch aufstellt, nämlich, dass allein das kollektive Tanzen zu der extraordinär ausgewählten Musik, die Vernon Subutex auf diesen klandestinen Treffen auflegt, die Anwesenden in Extase versetzt und zu einer Art inneren Läuterung verhilft, entspringt entweder einem rührend hippiesken Wunsch, es ließe sich in der Gegenwart doch noch eine Utopie jenseits des neoliberalen Regimes errichten, oder nimmt sich selbst nicht wirklich ernst, sondern kann sogar als sarkastischer Kommentar auf das Mittelklasse-Bedürfnis nach Esoterik gelesen werden, welches auf Kosten tatsächlicher gesellschaftlicher Veränderungen ausgelebt wird. Irgendwie bleibt das offen. Im Zuge der Veröffentlichung ihrer Subutex-Trilogie erschienen übrigens zahlreiche Interviews mit Virginie Despentes in den deutschen Medien, sie alle zeugen davon, dass die Frau nicht nur eine radikale Feministin ist, sondern auch eine ausgesprochene Kapitalismuskritikerin. Sie findet die politischen Ziele der Gilets Jaunes durchaus legitim und prophezeite schon im Dezember 2018, dass die Klimakinder uns Erwachsenen noch gehörig in den Arsch treten werden. So kommt es ja nun auch. Inzwischen sind die ersten zwei Bände der Subutex-Trilogie als Serie verfilmt worden, von der Schauspielerin und Regisseurin Cathy Verney für den Sender Canal+. Vernon Subutex wird darin von Romain Duris verkörpert, der sich damit wohl endgültig seinen Platz in der Riege der bekanntesten französischen Darsteller gesichert hat. Despentes allerdings, so heißt es, soll von der filmischen Übersetzung ihres Stoffes nicht besonders begeistert gewesen sein. Sie könnte jetzt wahrscheinlich sofort einen unterhaltsamen, entlarvenden Roman über die Dynamiken, Mauscheleien und Lächerlichkeiten beim Dreh einer Serie nach der Romantrilogie Das Leben des Vernon Subutex schreiben.

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