Lieblingskonzertacts 2018

Nennungen

Plötzlich fingen die Anfänger wieder an. Sie hauten 2016 das Album Advanced Chemistry raus, das erste seit Blast Action Heroes aus dem Jahr 2003. Jan Delay hatte wohl nach all der Zeit in der Konkurrenz um die Udo-Lindenberg-Professur wohl keine rechte Lust mehr, auf dem Solopfad zu wandeln.
Also sammelte er als Eizi Eiz Denyo und DJ Mad wieder ein und betrieb fortgeschrittene Chemie. Quatsch, der Plattentitel sollte wohl nur eine kleine Verbeugung vor der gleichnamigen Hip-Hop-Truppe darstellen, die Ende der neunziger Jahre in Heidelberg den Grundstein für den deutschen Conscious Rap legte – vor dem Hintergrund des wütenden rassistischen Mobs in Lichtenhagen, Hoyerswerda und andernorts. Die politische Aufladung half aber nicht, die Feuilletonisten für Advanced Chemistry zu begeistern. Die bescheinigten dem Trio, eigentlich nichts mehr zu sagen zu haben und deshalb mit ihrer neuesten Scheibe den eigenen Mythos zu beschädigen. Aber wie steht’s mit den Live-Auftritten von Beginner? Delay & Co. tourten ja zwei Jahre lang mit der Platte im Gepäck durch die Republik und beendeten die Chose mit einem Gig am 1. September 2018 in der Berliner Wuhlheide. Einer Leserin hat die Open-Air-Show so geflasht, dass sie diese zu ihrem Lieblingskonzert erklärt hat. Wahrscheinlich war’s wohl letztlich egal, dass das aktuellste Material nicht so der Bringer ist. Die Jungs gaben noch mal alles in Sachen Performance, insbesondere angefeuert durch die ebenfalls in die Jahre gekommenen, aber nicht weniger enthusiastischen Fans. Tatsächlich kamen Torch und Toni L. von Avanced Chemistry zwischendurch mit auf die Bühne, und zum Schluss auch noch Samy Deluxe und Afrob. Ein Spaß und Selbstvergewisserungsakt für den korrekten Zweig der Deutschrap-Familie.

Auch noch: Astrid North mit Illay und Benny Glass / Fantastic Negrito / Last Poets / Zeal & Ardor / Yob / José James sings Bill Withers / Midori Takada / Cavern of Anti-Matter / Gastone / Shantel / Angelo Branduardi / Händels Messias feat. Ahmed Soura / The National / Jen Cloher / Swutscher / Arcade Fire

Platz 1

Die Kategorie Lieblingskonzertacts weist gleich fünf erste Plätze auf. Das gab es zuletzt 2015, als Peaches, Bilderbuch, Yelle, Gloria und Lianne La Havas sich auf dem Siegertreppchen zusammendrängten. Von denen ist diesmal keine/r dabei, dafür aber die Musikerin Selah Sue. Zwei LeserInnen haben sie im vergangenen Juli beim Freiburger Zeltival gesehen und waren schwer begeistert von ihrer Performance. Selah Sue ist schon eine ganze Weile im Musikgeschäft, in Deutschland wurde sie von dem Reggae-Musiker Patrice eingeführt, der auch ihr 2011 erschienenes, nach ihr selbst benanntes Debütalbum mitproduzierte. Auf dem ist im übrigen ihr Erkennungshit Raggamuffin enthalten, der klassisches Songwriting mit Dancehall-Stakkato amalgiert. Selah Sue genießt bis heute jedoch weitaus größere Populärität in ihrer Heimat Belgien, in den Niederlanden und in Frankreich. Aber dass sie sogar noch höher hinaus will, demonstriert ihre Single Together aus dem Jahr 2016. Die hat sie nämlich mit niemand Geringerem als Childish Gambino aufgenommen. Ach ja, nicht zu vergessen ist, dass der gute Prince schon 2010 von Selah Sues Live-Skills so überzeugt war, dass er sie in das Vorprogramm seines Konzerts in Antwerpen nahm. Von ihrem Gig beim Freiburger Zeltival lassen sich keine Videos im Netz finden, deshalb gibt’s hier einen Clip, der einen Auftritt von ihr auf dem letztjährigen Jazzfestival von Marciac, einem kleinen mittelalterlichen Ort in der französischen Gascogne, zeigt.

Mit dem Titel Society konnte Alice Phoebe Lou 2016 einen Feature-Platz in der Kategorie Lieblingssongs ergattern. Jetzt ist sie quasi aufgestiegen: Zwei Stimmen gab es für ihre Qualitäten als Live-Performerin, die sich die aus Südafrika stammende Frau als Straßenmusikerin auf dem harten Berliner Pflaster erarbeitet hat. Trotz zunehmender Professionalisierung lebt Alice Phoebe Lou dennoch nicht in London, sondern weiterhin in Spreeathen, im Bezirk Neukölln. Ihr Debütalbum Orbit veröffentlichte sie 2016 bei Motor Music, nachdem sie sich gegen die Angebote größerer Plattenfirmen entschieden und ihre Anti-Kommerz-Haltung auch mit der Ablehnung, im Vorprogramm von James Blunt aufzutreten, deutlich gemacht hatte. Das untenstehende Video ist ein Ausschnitt aus ihrem Konzert in Madrid, im Club Copérnico, am 15. November letzten Jahres. Es zeigt die unbändige Spiellust von Alice Phoebe Lou, die mit ihrer Gitarre über die Bühne fegt und offensichtlich auch gerne mit dem Publikum interagiert. Lous Songmaterial klingt dabei live noch stärker nach Siebziger-Jahre-Prog-Rock als es das auf ihren Studioaufnahmen tut. Schade eigentlich, dass sie nicht mehr länger auf den Bürgersteigen zwischen Potse und Görli zu sehen und hören ist. Aber auch schön für sie, dass sie das nun nicht mehr nötig hat.

Die Sängerin Malia ist bei eareyeam noch nie erwähnt worden. Doch gilt sie derzeit als eine der international herausragenden Stimmen des Jazz. Sie wuchs in Malawi und London auf, lebt aber schon seit einigen Jahren in Paris. Malia verankert sich ganz klar in der Tradition von Billie Holiday und Nina Simone. Black Orchid, ihr viertes Album aus dem Jahr 2011 ist explizit eine Hommage an Simone. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Malia mit Ripples (Echoes of Dreams) schon ihre siebte Studio-LP; die zweite auf dem Label Musik Produktion Schwarzwald (MPS), das seine Adresse in der Schwarzwaldstadt Villingen hat und JazzmusikerInnen aus der ganzen Welt eine Heimat bietet. Im folgenden Clip ist Malia bei ihrem Gig am 28. November im The Catalyst im kalifornischen Santa Cruz zu sehen. Live scheint sie ein bisschen rougher und ungeschliffener rüberzukommen als der oftmals sehr mellow produzierte Sound ihrer Alben vermuten lässt. Zwei LeserInnen-Poll-TeilnehmerInnen durften im vergangenen Jahr einem Konzert von Malia beiwohnen und waren so angetan davon, dass sie die Künstlerin gleich mal an die Spitze dieser Rubrik katapultierten.

Und noch eine Frauenstimme – oder vielmehr gleich zwei herausragende weibliche Vocals. Bei den Lieblingskonzertacts 2018 dominiert eindeutig schwesterlicher Gesang. Das Duo Eclecta war schon im eareyeam-LeserInnen-Poll 2017 aufgetaucht – mit seiner Debüt-LP A Symmetry in der Kategorie Lieblingsalben. Die in Zürich beheimateten Mulitinstrumentalistinnen Andrina Bollinger und Marena Whitcher sind aber auch so richtig amtliche Rampensäue, weshalb es kein Wunder ist, dass zwei LeserInnen sie nun on top of this category gewählt haben. Eclecta haben zudem das helvetische Etwas, das sich in anderer Form auch bei dem Berner Schlagzeuger Julian Sartorius oder dem Theatermusiker Ruedi Häusermann wiederfinden lässt: Handwerkliche Präzision zeigt sich gepaart mit einem Sinn für schräge Komik, bei absoluter Geschmackssicherheit. Interessanterweise lassen sich im Internet gar nicht so viele Live-Aufnahmen von Eclecta aufstöbern, was den beiden Musikerinnen erst recht den Charakter eines Geheimtipps verleiht. Hier ein kurzes Video im Smartphone-Format von den sogenannten Duotagen, die Ende Februar 2018 im Luzerner Club Neubad stattfandenEclecta erfreut das Publikum mit einer kurzen, aber prägnanten A-cappella-Einlage.

Oh, jetzt zum Schluss doch noch ein Mann! Nils-Frahm-Konzerte sind stets im Nullkommanichts ausverkauft. Jede/r möchte den Tastatur-Wizard gerne mal in Aktion sehen. Als Frahm im November vergangenen Jahres im Karlsruher Tollhaus Station machte, konnten sich zwei glückliche LeserInnen Karten für das Ereignis sichern. Und wie nicht anders zu erwarten, haben sie in der Folge die Performance des Berliner Pianisten und Komponisten zu einem ihrer Lieblingskonzertacts 2018 erkoren. Während eareyeam Frahm ja schon öfters einen Platz eingeräumt hat, zum letzten Mal in der Adventsausgabe 2016, in welcher der Track Bergschrund, das Ergebnis einer Kooperation zwischen Frahm und DJ Shadow, gefeiert wurde, ist es eigentlich seltsam, dass er nicht schon in den vorangegangenen LeserInnen-Polls in dieser Kategorie aufgetaucht war. Denn seine Musik hört sich bei seinen Live-Auftritten mindestens doppelt so gut an wie aus den Lautsprecherboxen zuhause. Und zudem hat man während der Gigs auch seinen körperlichen Einsatz vor Augen, welcher weit entfernt ist von der getragenen Pose des Mannes am Klavier, und der ihn jedesmal am Ende völlig verausgabt von der Bühne treten lässt. Auch 2019 tourt Frahm durch Europa – absolviert Konzerte in Belgien, Spanien und Deutschland. Im Oktober kommt er in München, Dresden und Düsseldorf vorbei.

Hier geht es zu den Lieblingsbüchern 2018

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