Lieblingsstraßen 2018

Nennungen

Der neun Kilometer lange Chapman’s Peak Drive verbindet die beiden, südlich der südafrikanischen Metropole Kapstadt gelegenen Orte Hout Bay und Noordhoek miteinander.
Er schlängelt sich in 114 Kurven unmittelbar zwischen Meer und steilen Felswänden an der Küste jener Halbinsel entlang, an deren Ende sich das Kap der Guten Hoffnung befindet. Der Chapman’s Peak Drive ist einer der landschaftlich am schönsten gelegenen Verkehrswege der Welt, weshalb er auch schon des Öfteren als Kulisse für aufwändige Werbespots der Automobilindustrie herhalten musste. Die Straße wurde privatisiert und wird derzeit von einer Firma namens Entabeni (Pty) Ltd. verwaltet. Typisch für das neoliberale Zeitalter: Das Unternehmen sprang ein, als der Staat das Geld für die Sanierung des Chapman’s Peak Drive nicht mehr aufbringen konnte, und pachtete die Straße für 30 Jahre. Der Drive hatte nämlich so gar keinen Drive mehr, als im Januar 2000 gleich dreißig Prozent der Strecke verschüttet wurden. Über 150 Millionen investierte Entabeni (Pty) Ltd. in den Umbau, Fangnetze für herabfallendes Geröll wurden installiert und an zwei Stellen ein Tunnel beziehungsweise Halbtunnel in den Fels gesprengt. Im Dezember 2003 konnte der Chapman’s Peak Drive dann wieder für den Verkehr geöffnet werden – als Mautstraße. Eine LeserInnen-Poll-Teilnehmerin hat im vergangenen Jahr definitiv die fällige Gebühr von 2.95 Euro aus ihrem Geldbeutel gekramt, um den Drive benutzen zu dürfen, sonst wäre der hier jetzt kein Thema. Überhaupt gut, dass sie wohlbehalten von Hout Bay nach Noordhoek (oder umgekehrt ist) gelangt ist, denn schon einige Menschen sind auf dem oder am Rande des Chapman’s Peak Drive zu Tode gekommen, sei es, dass sie an den Aussichtshaltepunkten aus Versehen in die Tiefe stürzten, mit dem Auto verunfallten oder auf den Wanderwegen der unmittelbaren Umgebung ausgeraubt und ermordet wurden. Letzteres führt vor Augen, dass der Chapman’s Peak Drive sich nicht nur entlang einer atemberaubend pittoresken Küste windet, sondern sich auch in einem Land befindet, in dem gewalttätige Erfahrungen Alltag sind – als Resultat tiefer sozialer Spaltungen, in denen die Apartheid-Ära nachhallt.

Zum zweiten Mal in der Geschichte des LeserInnen-Polls ist in dieser Kategorie eine Straße gelistet worden, die im Herzen von Marseille liegt. 2015 hatte eine Leserin die Rue Rodolphe Pollak im Quartier Noailles zu ihrem Lieblingsverkehrsweg erklärt, heuer ist es der Boulevard Longchamps, den wiederum eine andere Teilnehmerin gefeatured sehen will. Der Boulevard ist übrigens tatsächlich nicht weit entfernt von der Rue Rodolphe Pollak, nur ist er keine kleine Nebensache, sondern – wie der Name schon suggeriert – eher eine Hauptachse, auf der die Straßenbahn fährt und die vor dem Palais Longchamps endet, in dessen Seitenflügeln sich das Musée des Beaux-Arts und das Naturhistorische Museum der Stadt befindet. Das Palais ist zudem auch Ort für Jazz- und Rockkonzerte. Im Netz lassen sich nicht allzu viele Videos finden, in denen der Boulevard Longchamps vorkommt. Hier ist eins von einer/m Cyclistin/en namens Vu Sur Mars, die/der sich eine Kamera auf ihren/seinen Lenker installiert hat und mit dieser filmt, wie sie/er zu einem bestimmten Zeitpunkt über den Boulevard radelt. Das geschieht vor allem, um zu demonstrieren, dass es in Marseille eine Verkehrskultur gibt, die die Belange der DrahteselreiterInnen sträflich vernachlässigt. Der Radweg auf dem Boulevard Longchamps ist zum Beispiel dank der undeutlichen Trennmarkierung und identischer Asphaltdecke kaum vom Bürgersteig zu unterscheiden. Man sieht im Clip, wie Vu Sur Mars deshalb gezwungen ist, um FußgängerInnen herum Slalom zu fahren. In der Postproduktion hat sie/er dann die entsprechenden Sequenzen mit Emojis und Schrift im Bild versehen. Am Ende des Video fragt Vu Sur Mars, was die Existenz eines richtigen Radwegenetzes in der Stadt zur Folge hätte. Die Antwort gibt sie/er selbst: weniger Staus, mehr Sicherheit für alle und eine bessere Luftqualität. Diese Punkte stehen nicht unbedingt auf der Agenda der sogenannten Gelbwesten, die in ihrer Version marseillaise in den vergangenen Monaten auch mal über den Boulevard Longchamps gezogen sind. Dabei kam es zu Rangeleien und Verhaftungen.

Auch noch: Tbilisi: Vitkor Dolidze Street / Flieth-Stegelitz: Fredenwalder Weg / Berlin: Elsenstraße / Berlin: Elsenbrücke / Imperia: Via Verdi / Frankfurt: Oberlindau / Ligurische Küste: Via Aurelia / Bogotà: Parque el Virrey / Mexiko-Stadt: Avenida Francisco Sosa / Albanien, Valbona-Tal: Rruga Azem Hajdari / Bremen: Vasmerstraße / Amalfiküste: Amalfitana / Werneuchen: Strässchen / Berlin: Kaskelstraße

Platz 1

Die Siegerstraße des Jahres 2018 führt durch den Ort Kilcreggan an der schottischen Westküste. Sie trägt den Namen Argyll Road. Kilcreggan liegt auf der Rosneath-Halbinsel, die durch die beiden Fjorde Gare Loch und Loch Long gebildet wird, zwei Finger am Ende eines Meeresarms, der wiederum vom Firth of Clyde abgeht, in dem die berühmte Insel Arran schwimmt. Da sich Kilcreggan gar nicht so weit von Schottlands größter Stadt Glasgow befindet, kann davon ausgegangen werden, dass die Ortschaft als so etwas wie ein Ausflugsort für die BewohnerInnen der nahen Agglomeration funktioniert. Aber auch TouristInnen vom europäischen Festland geraten in die Gegend, denn zwei von ihnen waren es, die die Argyll Road in Kilcreggan an die Spitze dieser Rubrik gewählt haben. Womöglich hielten sie sich während ihres Sommerurlaubs des vergangenen Jahres in einem der vielen Häuser an der Argyll Road auf, die eigentlich eine DauermieterIn oder -käuferin suchen und für die das Unternehmen Clyde Property unter heftigsten Einsatz von Muzak, Drohnen und Photoshop auf Youtube Werbung macht. Die Straße selbst ist eine ziemlich langgestreckte Angelegenheit, sie quert den Hang, an den Kilcreggan sich kuschelt. Auf Google Street View kann man sehen, dass sich auf beiden Seiten der Argyll Road nur alleinstehende Gebäude befinden, oftmals verschwinden diese hinter dichten Hecken und Steinmauern. Während der Fahrt auf der Straße erhascht man aber auch immer wieder einen tollen Panoramablick auf die Meeresarme mit gegenüberliegenden Bergküsten im Hintergrund. Oder auf saftige Wiesen. An ihrem Westende mündet die Argyll Road schließlich in die School Road. In Kilcreggan sieht man also nicht nur mittelalte Pärchen in Funktionskleidung auf dem Weg in Richtung Natur, sondern morgens auch kleine Kinder, die mit ihrem Ranzen auf dem Rücken zur Primary School hüpfen, um dort zu lernen, wie man die zu den traditionellen Hochlandclans gehörenden Schottenmuster identifiziert. Oder ist das jetzt eine zu klischeehafte Imagination? Dass die Leute in Kilcreggan auf jeden Fall Humor haben, beweist das untenstehende Video, das, so nehme ich einfach mal an, vor vier Jahren auf einer Wiese längs der Argyll Road gedreht worden ist. Ich finde, es ist der angemessene Rausschmeißer aus dem LeserInnen-Poll 2018.

Jetzt kommt hier selbstverständlich noch die Bekanntgabe der GewinnerInnen unter denjenigen, die an diesem vorerst letzten eareyeam-LeserInnen-Poll teilgenommen haben. Und was soll ich sagen: Bis zum Schluss kann Janine die imaginäre Mainstream-Siegertrophäe in ihrer Glasvitrine bunkern. Zum siebten Mal hintereinander weist ihre Liste die meisten Überschneidungen mit denen der anderen EinsenderInnen auf, nämlich 16 (bei 28 Nennungen). Dagegen wechselt der Off-Mainstream-Titel erneut seine Trägerin. Diesmal gebührt er Kathrin, die allerdings diese Auszeichnung in der Vergangenheit auch schon zweimal errungen hatte. Sie ist eine von lediglich drei TeilnehmerInnen, deren letztjährige Bestenliste nur Unikate enthielt. Kathrin brauchte gerade 6 davon, um ganz vorne zu liegen. Der entsprechende Preis wird den beiden im Laufe des Jahres zugestellt, außerdem darf Josef weiterhin auf seinen Off-Mainstream-Preis 2017 hoffen und Paulinus weiß bisher gar nicht, dass ihm eigentlich noch ein Mainstream-Platz-2-Trostpreis, ebenfalls aus dem vorangegangenen Poll, zusteht. Damit ist alles gesagt, und ab sofort heißt es hier: eareyehavebeen. Bei Twitter gibt es eareyeam jedoch weiterhin.

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