Lieblingsvideos 2018

Nennungen

Die südafrikanische Rapperin Dope Saint Jude taucht seit ein paar Jahren immer mal wieder bei eareyeam auf. So war der Clip zu ihrem auf der EP Resilient enthaltenen Track Grrrrl Like im vergangenen Jahr das Video of the Week Nr. 6.
Bei dem hat sie übrigens höchstselbst Regie geführt und sich unter anderem als Bikerin mitsamt attraktiver Beifahrerin inszeniert, die auf ihrer Maschine durch die ebenso attraktive Landschaft der Kap-Provinz rauscht. Song und Clip feiern vor allem eine multiethnische Queer-Community in Dope Saint Judes Heimat Cape Town, die die Künstlerin als Erb*in der nordamerikanischen Riot Girrrls der neunziger Jahre versteht. Im übrigen lebt Dope Saint Jude nun vorübergehend in London, um von dort aus durch Europa zu touren und so die eigene Fangemeinde zu erweitern. Am 20. Mai machte sie auch in Berlin im Cassiopeia Station und bewies dort, zusammen mit ihrem Bühnen-Sidekick Ocean Jade und DJ Nesrin Olmez, dass sie auch einen nicht so vollen Club mit 100 Prozent Power zum Vibrieren bringen kann. Nach dem Video zu Grrrl Like hat sie noch zwei weitere Clips als Illustration des Materials auf Resilient veröffentlicht, einen zum Track Liddy und einen zu dem herzerweichenden Coming-of-Age-Titel Inside.

Auch noch: Yob: Original Face / Little Simz: Offence / Fantastic Negrito: The Duffler / Janelle Monae: Make me Feel / Eko Fresh: Aber / Ill Camille: NPR Music Tiny Desk Concert / Do You Like It Boy? (Acting gold in a grey world.): SiEA / Tanks and the Bangas: NPR Music Tiny Desk Concert / Nathy Peluso: La Sandunguera / Nouvelle Vague: Bizarre Love Triangle / King Crule: Czech One / Superorganism: It‘s All Good / Udo Lindenberg: Andrea Doria / Kiasmos: Live Session / Elektro Guzzi: Maelstrom / DR 3: Livet som voksen / Pi Ja Ma: Radio Girl

Platz 2

Rollschuhfahrerinnen werden immer mal wieder für Musikvideos rekrutiert, wie zum Beispiel für den Clip zu Chet Fakers Song Gold. In dem gleiten drei Skaterinnen auf einer nächtlichen Straße dahin und werden dabei aus einem vorausfahrenden Auto frontal und in einer einzigen Einstellung gefilmt. Der im Musikvideo-Business gut etablierte, japanisch-amerikanische Regisseur Hiro Murai hat den Dreh besorgt, allerdings schon vor knapp fünf Jahren. Gold ist nämlich ein Track von Chet Fakers Debütalbum Built On Glass, das der australische Soulsänger 2014 veröffentlichte. Zwei LeserInnen haben Gold und den dazugehörigen Clip aber scheinbar jetzt erst entdeckt und letzteren gleich mal zu einem ihrer Favoriten erklärt. Der Song hat zu Beginn ziemliche Ähnlichkeit mit Pharrell Williams‘ Happy, allerdings in erkennbarer Moll-Stimmung, in welcher er auch bis zum Ende vor sich hin tuckert. Währenddessen nimmt die Videonarration einen dramatischen Verlauf, denn ins Bild kommt ein Auto, das offensichtlich nach einer Havarie mit einem Reh schwer beschädigt und quer auf der nächtlichen Straße steht. In dem Fahrzeug sitzt der singende Chet Faker. Es wird wohl für immer ein Geheimnis des Regisseurs bleiben, warum die drei Skaterinnen Appleusa McGlynn, April Corley und Candice Heiden sich Faker nicht nähern, sondern einfach umdrehen und in die Richtung zurückrollen, aus der sie gekommen waren.

Nichts ist ihnen zu teuer, denn Jay-Z ist ja jetzt auch offiziell der erste Rap-Milliardär der Geschichte: Für das Video zu Apes**t hatten die Carters im Mai 2018 mal eben schnell den Pariser Louvre gemietet und unter anderem auch das Lächeln der Mona Lisa zum Hintergrund für ihren Paarlauf gemacht. Weiterhin nehmen Jay-Z und Beyoncé nämlich so eine Art öffentlich einsehbares Ehe-Coaching in Anspruch, wobei die Musik der beiden die Mediatorin ist. Am therapeutischen Arrangement für Apes**t hat zusätzlich niemand Geringeres als Pharrell Williams mitgewirkt – ein Garant für Soundmaterial mit größtmöglicher Reichweite. Und selbst noch auf seinem Kernkompetenzgebiet des Sprachgesangs lässt Jay-Z sich scheinbar freiwillig von seiner Ehefrau in den Schatten stellen. Beyoncé ist, um das wuchtige Apes**t zu stemmen, in die wahrscheinlich leicht autotunisierte Stimmlage gewechselt, die sie auch schon für ihren Knaller Formation eingenommen hatte. Im Clip beziehen sich die opulenten, mit großer Geste choreographierten Tanzszenen auf die an der Wand hängenden neoklassischen Werke aus der Zeit Napoleon Bonapartes, in der Frankreich Teile Europas, Amerikas und Afrikas kolonialisierte. Das ist ästhetisch mal mehr, mal weniger gelungen. Fraglich bleibt insgesamt, ob das offensichtliche Statement des Videos, nämlich die Behauptung einer Überschreibung imperialer Geschichte mit den Codes der eigenen Kultur, überhaupt ein Schwarzes Kollektiv repräsentieren soll. Denn der Text erzählt vornehmlich von den exorbitant teuren Luxusgütern, die das Power-Couple dank seines Status bisher zu akkumulieren vermochte, und es entsteht so erneut der hoffentlich falsche Eindruck, dass das gemeinsame Geldscheffeln der Kitt der Beziehung ist. Es lebt hier also eigentlich der neoliberale Trickle-Down-Effekt im Diversity-Gewand fort, für die vielen armen Gemeindemitglieder würde vom Reichtum der Wenigen auch noch ein Bröcklein abfallen. Und so ist es ja auch kein Wunder, das die Carters 2016 Hillary Clinton unterstützt haben. Die Gesamtregie bei dem Clip führte Ricky Saiz, der Jay-Z und Beyoncé mit visueller Überwältigung ins Herz des Westens pflanzt. Mission accomplished! Aber wäre es nicht schöner, jede und jeder wäre Milliardär – oder eben keine/r?

Janelle Monáe ist wohl diejenige Künstlerin, die den Begriff des Afrofuturismus derzeit am überzeugendsten mit Leben zu füllen versteht. Das demonstriert sie mit ihrem üppigen, fast 50 Minuten langen sogenannten emotion picture, das ihr Album Dirty Computer visuell begleitet. Darin sind die einzelnen Clips zu den Tracks der Platte verklammert durch eine dystopische Science-Fiction-Story, in der Janelle Monáe sich in den Fängen eines totalitären Regimes befindet. Dieses trachtet danach, allen Menschen die Erinnerung aus dem Gehirn zu löschen und die Bürger*innen künftig als „Computer“ zu operationalisieren. Der sogenannte Reinigungsprozess wird auch an Janelle aka Jane 57821 exerziert. Als Dienerin der Macht tritt ihr dabei ausgerechnet Zen gegenüber, dargestellt von der Schauspielerin und Musikerin Tessa Thompson. Mit ihr und einem Mann namens Ché hatte Jane 57821 in der Vergangenheit eine wilde Ménage à trois. Zen ist jedoch inzwischen gedächtnislos, wird durch Janes Erzählungen von der gemeinsamen Vergangenheit in Verwirrung gestürzt und versucht ihrerseits Jane dazu zu bringen, das unvermeidliche Schicksal als „Computer“ zu akzeptieren. Die Musikvideos bekommen im Sinne der Gesamtstory die Funktion der sich auf dem Screen der ausführenden Löscharbeiter manifestierenden Erinnerung Janes – sie sind so die bunte, queere und funky Antithese zur strengen Kühle der diktatorischen Transformation. Aneinandergereiht offenbaren sie Janelles Monáes Leitmotiv des barocken Lebens, in dem Hautfarbe keine Rolle spielt, Monogamie nicht die Norm ist und man/frau sich nicht zwischen Homo und Hetero entscheiden muss. Der heilige Prince hat hier nicht nur musikalisch und textlich, sondern auch bildsprachlich Pate gestanden. In Szene gesetzt wurde die Rahmengeschichte von Chuck Lightning und Andrew Donoho, letzterer führte ebenso wie auch Alan Ferguson, Emma Westenberg und Lacey Duke Regie bei jeweils einem der Musikvideos. Gegen Ende der Story scheint die Computerisierung von Jane 57821 abgeschlossen zu sein, sie wird selbst zur Dienerin der Macht. Doch dann wird sie mit ihrem Ex-Lover Ché konfrontiert. Hier soll aber selbstverständlich nicht verraten werden, dass die Dystopie zuletzt doch noch einen U-Turn verpasst kriegt …

Für den Clip zum Track Lover Chanting von Little Dragon hat das Regie-Duo Jack Whiteley & Joe Wills eine sehr spezielle Spiele-Phantasie ins Bild gesetzt. Eine, die sehr weit entfernt ist von der Welt der misogynen Trolle, die für das berüchtigte Gamergate des Jahres 2014 gesorgt hatten. Whiteley erklärt das Setting des Videos laut des Portals Avalost Times wie folgt: „Wir waren der Meinung, dass es einige starke Parallelen zwischen der Disco-Szene Ende der 70er Jahre und der Welt des Online-Rollenspiels gibt. Zwei Welten, die für Meinungsfreiheit, reinen Eskapismus und die Fähigkeit, sich selbst nach Belieben neu zu gestalten, verehrt werden. Das ist unser Versuch, eine Mischung aus diesen beiden Welten zu schaffen – eine surreale Online-Gaming-Umgebung und ein lupenreiner, heißer 70s-Disco-Dance-Off!“ Diese Mixtur passt ziemlich gut zum Synthie-Pop-Sound der schwedischen Band Little Dragon, deren Frontfrau und Sängerin Yukimi Nagano auch eine der Hauptfiguren in dem Game ist. Die offengestanden sehr hohle Hook „Do you wanna be my girl/I wanna be your man“ wurde allerdings ausnahmsweise von Schlagzeuger Erik Bodin eingesungen. In ihrer Kritik auf dem Musikportal Pitchfork bescheinigt Olivia Horn Little Dragon, mit der im vergangenen Jahr erschienenen EP, auf der sich Lover Chanting befindet und die überhaupt die erste Maxi in der Geschichte der Band ist, lieber die Bequemlichkeit des Vertrauten gewählt, statt neue Wege eingeschlagen zu haben. Will heißen: Ein neues Level hat Little Dragon noch nicht erreicht, auch wenn das Game-Thema des Lover-Chanting-Clips dies nahelegt.

Platz 1

Dass der Clip zu Childish Gambinos This is America auf den ersten Platz dieser Kategorie landen wird, war praktisch ausgemachte Sache. Schließlich ist er eindeutig das spektakulärste und am meisten diskutierte Video des vergangenen Jahres. Ja, ich könnte mich hier sogar zu der Aussage hinreißen lassen, dass Gambino, der eigentlich Danny Glover heißt, praktisch den wichtigsten Musikclip der Zehnerjahre geliefert hat. Wahrscheinlich sind inzwischen schon Dutzende von Bachelor-Arbeiten über einzelne Aspekte dieses audiovisuellen Werkes in den Cultural-Studies-Departments der westlichen Welt zustandegekommen. Schließlich überführt es die extreme Spannung zwischen der Exponiertheit Schwarzer Akteur*innen in der US-amerikanischen Unterhaltungskultur und dem alltäglichen Rassismus bis hin zur tödlichen Repression gegen Schwarze in eine ästhetisch überzeugende Form. Dazu trägt selbstverständlich auch der Song selbst bei, in dem sich sehr eindrücklich ein Gospel-Gesang mit dystopischen Trap-Rhythmen vermählt. Analog dazu überlagern sich im Video fröhlich-optimistische Tanzszenen mit Sequenzen von Chaos und Gewalt, deren Drastik durch den Hintergrund der weißen Leere der großen Industriehalle, in der gefilmt wurde, potenziert wird. Ein brennendes Polizeiauto verweist auf die Reaktionen in amerikanischen Städten wie Baltimore nach den zahlreichen Fällen, bei denen Schwarze durch Kugeln aus den Waffen von „Gesetzeshütern“ ums Leben gekommen waren. Dass Glover aka Gambino mit dem Maschinengewehr einen ganzen Chor niedermetzelt, soll an das Massaker erinnern, das ein weißer Faschist 2015 an den Mitgliedern einer Schwarzen Kirchengemeinde in Charleston verübt hatte. Alles in allem rückt das Setting des Clips die Situation in den USA in die Nähe zum Südafrika der Apartheid. Und wer hat das Video überhaupt gedreht? Derselbe Regisseur, der auch für den Clip zu Chet Fakers Gold verantwortlich war, nämlich Hiro Murai. Der hat also nun sein Meisterstück gefertigt. Kurz nach dessen Veröffentlichung im Mai 2018 unterschrieb Murai bei FX, einem Pay-TV-Kabelsender, der zum Walt-Disney-Konzern gehört, einen Vertrag über die Entwicklung für neue Serienkonzepte. Zudem trat er in Gespräche mit 20th Century Fox ein, zwecks Realisierung eines ersten Kinofilms. Und Childish Gambino gelang es, mit This Is America und der dazugehörigen Bebilderung in die Liga von Jay-Z, Kanye, Drake und Kendrick Lamar aufzurücken.

Hier geht es zu den Lieblingssongs 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.